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Amerikas Häftlingsarbeit

NEW YORK – Der Konkurrenz aus Billiglohnländern oder, zunehmend, der Automatisierung die Schuld für Arbeitsplatzverluste in der Industrie zu geben ist inzwischen ein typisches Element populistischer Politik in entwickelten Ländern. Dies gilt nirgends mehr als in den USA, wo Präsident Donald Trump 2016 seinen Wahlkampf unter diesem Motto führte und seitdem einen Handelskrieg mit China angezettelt hat. Doch sehen sich die Arbeitnehmer in den USA schon lange der Konkurrenz aus einer anderen, viel näher liegenden Quelle ausgesetzt: Häftlingsarbeit.

Viele Amerikaner nehmen, insbesondere angesichts der wenig schmeichelhaften Berichterstattung in westlichen Medien über den Einsatz von Gefängnisarbeit in anderen Ländern zur Produktion von Exportwaren, möglicherweise an, dass das System der Häftlingsarbeit des Landes Vergangenheit ist. Doch beschäftigte dieses System 2005 – dem letzten Jahr, für das relativ vollständige landesweite Daten vorliegen – nahezu 1,4 Millionen Häftlinge, von denen etwa 600.000 in der Industrie arbeiteten. Das sind 4,2% der industriellen Gesamtbeschäftigung der USA.

Amerikas Gefängnisse stellen ein großes, weiter wachsendes Reservoir an verfügbaren Arbeitskräften dar: Seit 1932 ist die Anzahl der Häftlinge in den USA steil von rund 140.000 auf mehr als 2,2 Millionen (2014) gestiegen. Sie arbeiten für Unternehmen wie Walmart, AT&T, Victoria’s Secret und Whole Foods Market, aber verdienen dabei im Schnitt nicht mal einen Dollar pro Stunde – deutlich weniger als der gesetzliche Mindestlohn für nicht inhaftierte Arbeiter. Häftlingsarbeit ist daher nicht nur ausbeuterisch, sondern verzerrt auch den Wettbewerb.

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