21

Die moralische Pflicht, Macron zu unterstützen

BRÜSSEL – Die beiden Namen, die bei den französischen Präsidentschaftswahlen auf dem Wahlzettel für die zweite Runde stehen, machen deutlich, dass in Europa gerade ein politischer Kurswechsel stattfindet. Emmanuel Macron und Marine Le Pen stehen für alternative Weltsichten jenseits der traditionellen Einordnung zwischen Links und Rechts.

Auch anderswo in Europa traten in letzter Zeit europafreundliche, marktorientierte Parteien gegen nationalpopulistische Bewegungen an. Aber da Frankreich für Europa so wichtig ist, steht dort extrem viel auf dem Spiel. Die Feinde der Europäischen Union wissen dies. Russische Hacker haben bereits zahllose Netzangriffe auf die Webseite von Macrons Bewegung En marche! durchgeführt, und der Kreml macht sich öffentlich für Le Pen stark.

Aber viele französische Wähler scheinen weltpolitische Dynamik, die bei der Wahl in ihrem Land am Werk ist, immer noch nicht wirklich zu erkennen. Und trotzdem lastet auf ihren Schultern eine gewaltige Verantwortung: Das Schicksal der EU – und des gesamten Westens – liegt in ihren Händen.

Frankreich hat im Laufe der Geschichte bei fast all seinen Nachbarn erhebliche Spuren hinterlassen, insbesondere in meinem Heimatland Belgien, wo fast die Hälfte der Bevölkerung französisch spricht. Historisch betrachtet war Frankreich einst eine der größten Kolonialmächte der Welt – bevor es dann Gründungsmitglied der EU wurde. Wie unterschiedlich diese beiden Zeichen für Imperialismus und Multilateralismus auch sein mögen: Beide deuten darauf hin, dass das Land immer schon ein Freund der Globalisierung war. Ironischerweise wird diese Tradition nun ausgerechnet von denjenigen verraten, die Frankreich im Namen des „Patriotismus“ von Europa und der Welt abschotten wollen.