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Das Wunder Macron

PARIS – Vor der französischen Präsidentschaftswahl bat mich der amerikanische Radiosender NPR um ein Interview über das Ergebnis. Bedingung war allerdings, dass das Interview nur stattfinden würde, wenn Marine Le Pen und die extrem rechte Front National gewonnen hätten. Gute Nachrichten, wie eine Niederlage Le Pens, scheinen heutzutage keine Nachricht mehr wert zu sein.

Aber die Wahrheit ist, dass der Sieg des pro-europäischen Gemäßigten Emmanuel Macron eine Sensation ist. Als das Vereinigte Königreich im vergangenen Jahr für den Brexit stimmte und in den USA Donald Trump die Präsidentschaftswahl gewann, sah es danach aus, als wäre der Aufstieg des rechten Populismus, der vor kurzem noch unmöglich schien, plötzlich unaufhaltsam. Und es gab ausreichend Grund zu der Annahme, Frankreich wäre besonders anfällig für die Machtübernahme durch einen rechten Populisten: das Land leidet noch immer unter den Folgen der Krise der Eurozone des vergangenen Jahrzehnts und war in letzter Zeit Zielscheibe mehrerer Terrorattacken.

Aber die französischen Wähler, auch diejenigen, deren bevorzugte Kandidaten oder Partei nicht in die zweite Runde kamen, erkannten die Gefahr einer Präsidentin Le Pen und haben Macron einen stabilen Sieg beschert. Der Wahlausgang war ein Zeichen der Reife und der politischen Intelligenz einerseits und eine Lektion für das Vereinigte Königreich und die USA andererseits. (Vielleicht ist das die Tatsache, der NPR nicht ins Auge sehen wollte.)

Es hat geholfen, dass Le Pen in der zweiten Wahlkampfdebatte die Fassade einriss, die sie sich mit harter Arbeit aufgebaut hatte. Ihre Bemühungen, die Front National zu rehabilitieren – immerhin hat sie ihren Vater Jean-Marie aus der Partei geworfen, die er selbst gegründet hatte -, waren nur Show. Sie ist die Tochter ihres Vaters und wird es immer bleiben.

Aber das Ergebnis der französischen Wahl ist nicht nur der Tatsache geschuldet, dass Le Pen eben Le Pen ist, um den Essayisten Michel de Montaigne zu zitieren, sondern auch, dass Macron Macron ist. Zu einem anderen Zeitpunkt wäre Macrons Jugend und Unabhängigkeit ein großes Hindernis gewesen. Aber bei dem aktuellen Misstrauen gegenüber dem politischen Establishment verkörperte Macron Frankreichs Hoffnung auf Erneuerung.

Natürlich hat die französische Präsidentschaftswahl Auswirkungen, die weit über die Grenzen des Landes hinausreichen. Da wäre zuerst das Vereinigte Königreich, wo Premierministerin Theresa May vorgezogene Parlamentswahlen für den kommenden Monat ausgerufen hat, um sich Rückhalt für die nahenden Brexit-Verhandlungen zu holen. Jetzt ist sie mit der Perspektive konfrontiert, dass die deutsch-französische Achse nicht nur neuen Antrieb bekommt, sondern auch ausgewogener sein wird, also stabiler als früher. Winston Churchills politische Erben könnten sich gewiss nicht für einen Kandidaten entscheiden, der sehnsüchtig auf Vichy France zurückblickt. Aber sie liegen sicher nicht ganz falsch, wenn sie sich Sorgen machen, dass der Sieg eines leidenschaftlichsten EU-Befürworters sie weiter isolieren wird.

Macrons Sieg, den er mit Beethovens „Ode an die Freude”, der Hymne der EU, feierte, wird aller Wahrscheinlichkeit nach in ganz Europa moderatere und pro-europäischere Kräfte freisetzen (vielleicht mit Ausnahme von Ungarn und Polen). Macron hat bewiesen, dass man mit Optimismus, gepaart mit einer klaren und festen Pädagogik, eine Wahl gewinnen kann, sogar in Europa, wo Pessimismus und Angst zu regieren schienen. Sein Ansatz wird ganz sicher Auswirkungen auf die diesjährigen Parlamentswahlen in Deutschland und Italien haben.

Und Macrons Sieg verändert nicht nur das Bild von Frankreich (und des rechten Populismus), sondern auch das Bild Europas in der Welt. Im Gegensatz zu den Behauptungen Wladimir Putins befindet sich der „alte Kontinent” keineswegs in einer Phase der Dekadenz und ist noch immer fähig, sich neu zu erfinden.

Das mag für Russland eine Enttäuschung sein. Aber für China ist Macrons Sieg eine positive Entwicklung. Die Chinesen mögen eben keine Ungewissheit, besonders wenn dadurch Märkte aufgewühlt werden. Und das wäre wahrscheinlich die Folge eines Siegs Le Pens gewesen.

Und was die USA betrifft, werden die Reaktionen auf Macrons Sieg wohl unterschiedlich sein. Bei der Mehrheit der Amerikaner, die nicht für Trump gestimmt haben, löst er möglicherweise Erleichterung und Genugtuung aus. Denn in gewisser Weise ist Le Pens Niederlage auch eine Ablehnung von Trump selber. Aber es wird auch etwas Bedauern mitschwingen: wenn die Demokraten nur einen wie Macron als Kandidaten gehabt hätten anstatt Hillary Clinton, wäre Donald Trump nicht ihr Präsident geworden.

Die Amerikaner, die für Trump stimmten, wissen vielleicht nicht, was sie denken sollen. Aber vom ideologischen Standpunkt aus gesehen ist es keine ganz so schlechte Nachricht. Tatsächlich wird die gesamte westliche Welt von der Stärkung der europäischen NATO-Säule profitieren. Und was Trump betrifft, der mehr ein Narzisst als ein Ideologe ist, und der Le Pen gar nicht persönlich kennt, obwohl viele in seiner Administration sie feierten, kann Macrons Sieg viele positive Auswirkungen haben.

Für Macron fängt die Arbeit jetzt erst an. Um die Änderungen zu vollbringen, die er versprochen hat, und wenn er ein Symbol für die progressiven Hoffnungen der Welt bleiben will, muss sich seine Bewegung La République En Marche! in den Parlamentswahlen im nächsten Monat eine Mehrheit sichern. Hoffen wir, dass die französischen Wähler wieder Selbstbewusstsein und Klugheit an den Tag legen und ihm die Unterstützung in der Nationalversammlung sichern werden, die er braucht. Was hier auf dem Spiel steht, ist nicht die Zukunft eines Politikers oder dessen Partei, sondern das Schicksal der französischen Republik – und die Zukunft Europas.

Aus dem Englischen von Eva Göllner.