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Hat der Populismus seinen Höhepunkt überschritten?

LONDON – Nach den Entwicklungen des letzten Jahres, als Großbritannien für den Ausstieg aus der Europäischen Union stimmte und die Vereinigten Staaten Donald Trump zum Präsidenten wählten, schien der fremdenfeindliche Nationalismus unbesiegbar geworden zu sein. Aber jetzt hat sich Frankreich dem Trend widersetzt und den sozialliberalen und einwanderungsfreundlichen Europa-Befürworter Emmanuel Macron gewählt. Hat damit, wie manche behaupten, der rechte Populismus im Westen tatsächlich seinen Höhepunkt überschritten?

Macrons bemerkenswerter Sieg ist sicherlich ein Grund zum Feiern. Als unabhängiger Mann der Mitte setzte er sich in der ersten Runde gegen die Kandidaten der etablierten Parteien durch und gewann dann in der Stichwahl gegen Marine Le Pen von der rechtsextremen Nationalen Front fast zwei Drittel der Stimmen. Als der einzige Kandidat, der eine klare Linie gegen den russischen Präsidenten Wladimir Putin vertritt, wurden noch in letzter Minute seine E-Mails gehackt (und gefälscht) und andere Angriffe auf ihn versucht.

Die Wahl hat Macron gewonnen, weil er einem wütenden und deprimierten Volk eine Botschaft der Hoffnung anbieten konnte. Er hat sich als dynamischer Außenseiter inszeniert, der fähig ist, neuen Schwung in ein gelähmtes politisches System zu bringen. Dies wird auch durch seine Jugend unterstrichen – er ist erst 39 Jahre alt. Und wie der kanadische Ministerpräsident Justin Trudeau gezeigt hat, ist es auch kein Fehler, gut auszusehen und Charme zu haben.

Aber die Erwartungen zu erfüllen wird nicht einfach sein. Wie Großbritannien und die USA ist auch Frankreich tief gespalten – zwischen denen, die sich für eine liberale und offene Gesellschaft einsetzen, und jenen, die die Politik und die Grenzen schließen möchten – zwischen den Unterstützern europäischer und globaler Integration und den Freunden des Nationalismus und Protektionismus.