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Lehren von den Globalisierungsgegnern

NEW YORK – Der voraussichtliche Sieg von Emmanuel Macron bei den französischen Präsidentschaftswahlen hat einen weltweiten Seufzer der Erleichterung ausgelöst. Zumindest Europa folgt nicht jenem protektionistischen Pfad, den Präsident Donald Trump den Vereinigten Staaten aufzwingt.

Doch sollten die Globalisierungsbefürworter den Champagner im Kühlschrank lassen: Protektionisten und Befürworter einer „“illiberalen Demokratie“ sind in vielen anderen Ländern auf Erfolgskurs. Und die Tatsache, dass ein unverblümt bigotter, gewohnheitsmäßiger Lügner wie Trump in den USA derart viele Stimmen erhalten konnte und dass die rechtsextreme Marine Le Pen am 7. Mai zur Stichwahl gegen Macron antritt, sollte zu tiefer Besorgnis Anlass geben.

Manche glauben, dass Trumps Missmanagement und offensichtliche Unfähigkeit ausreichen sollten, um die Begeisterung für populistische Patentlösungen anderswo zu dämpfen. Genauso wird es den Wählern im US-Rostgürtel, die Trump unterstützt haben, in vier Jahren fast mit Sicherheit schlechter gehen, und rationale Wähler werden das mit Sicherheit verstehen.

Doch es wäre ein Fehler, anzunehmen, dass die Unzufriedenheit mit der Weltwirtschaft – zumindest darüber, wie sie eine große Anzahl derjenigen behandelt, die der Mittelschicht angehören (oder früher angehört haben) – ihren Zenit erreicht hat. Falls die entwickelten freiheitlichen Demokratien ihre bisherige Politik weiterverfolgen, wird das freigesetzte Arbeitskräfte weiter verprellen. Viele werden das Gefühl haben, dass Trump, Le Pen und Co. zumindest vorgeben, ihren Schmerz zu teilen. Die Vorstellung, dass die Wähler sich von selbst vom Protektionismus und Populismus abwenden werden, ist möglicherweise nicht mehr als kosmopolitisches Wunschdenken.

Die Befürworter liberaler Marktwirtschaften müssen begreifen, dass viele Reformen und technologischen Fortschritte dazu führen, dass es einigen Gruppen – und zwar möglicherweise großen Gruppen – schlechter geht. Im Prinzip steigern diese Veränderungen die wirtschaftliche Effizienz und ermöglichen es den Gewinnern, die Verlierer zu entschädigen. Doch wenn es den Verlierern weiterhin schlechter geht, warum sollten sie dann die Globalisierung und eine marktorientierte Politik unterstützen? Tatsächlich liegt es in ihrem Interesse, sich Politikern zuzuwenden, die Widerstand gegen diese Veränderungen leisten.

Die Lehre sollte also offensichtlich sein: Ohne eine progressive Politik, die starke Sozialprogramme, berufliche Umschulungen und andere Formen der Unterstützung für die von der Globalisierung abgehängten Personen und Gemeinschaften umfasst, könnten Politiker Trump’schen Typs eine dauerhafte Erscheinung werden.

Die durch derartige Politiker verursachten Kosten sind für uns alle hoch, selbst wenn sie ihre protektionistischen und nativistischen Ambitionen nicht vollständig umsetzen können – denn sie machen sich Ängste zunutze, heizen die Bigotterie an und befriedigen ihre Machtgelüste durch eine gefährlich polarisierende Regierungsstrategie des „wir gegen die“. Trump hat seine Twitter-Attacken gegen Mexiko, China, Deutschland, Kanada und viele andere gerichtet, und die Liste wird sich im Laufe seiner Amtszeit mit Sicherheit noch verlängern. Le Pen hat bisher die Muslime ins Visier genommen, doch ihre jüngsten Äußerungen, in denen sie die Verantwortung der Franzosen für die Verhaftung der Juden während des Zweiten Weltkrieges bestritten hat, haben ihren schwelenden Antisemitismus deutlich gemacht.

Das Ergebnis können tiefe und möglicherweise irreparable nationale Spaltungen sein. In den USA hat Trump das Amt des Präsidenten schon jetzt beschädigt und wird vermutlich ein stärker gespaltenes Land hinterlassen.

Wir dürfen nicht vergessen, dass vor Beginn der Aufklärung, die sich die Konzepte von Wissenschaft und Freiheit zu eigen machte, Einkommen und Lebensstandards jahrhundertelang stagnierten. Doch Trump, Le Pen und die anderen Populisten verkörpern die Antithese der Werte der Aufklärung. Trump zitiert ohne rot zu werden „alternative Fakten“, bestreitet die wissenschaftliche Methode und schlägt massive Haushaltskürzungen im Bereich der öffentlichen Forschung einschließlich des Klimawandels vor, den er für Schwindel hält.

Der von Trump, Le Pen und anderen befürwortete Protektionismus stellt eine ähnliche Gefahr für die Weltwirtschaft dar. Seit einem Dreivierteljahrhundert versuchen wir, eine regelbasierte globale Wirtschaftsordnung zu schaffen, in der Waren, Dienstleistungen, Menschen und Ideen sich freier über Grenzen fortbewegen können. Unter dem Applaus seiner Mitpopulisten hat Trump eine Handgranate in diese Struktur geworfen.

Angesichts des Beharrens Trumps und seiner Anhänger auf der Wichtigkeit der Grenzen werden es sich die Unternehmen zweimal überlegen, wie sie ihre globalen Lieferketten organisieren. Die hieraus resultierende Unsicherheit wird von Investitionen – insbesondere grenzübergreifenden Investitionen – abschrecken, was die Dynamik zugunsten eines globalen, regelbasierten Systems verlangsamen wird. Und wenn weniger in das System investiert wird, haben die Befürworter eines solchen Systems weniger Anreize, sich dafür einzusetzen.

Dies wird weltweit Schwierigkeiten verursachen. Ob es einem gefällt oder nicht: Die Menschheit wird global verbunden bleiben und sich gemeinsamen Problemen wie dem Klimawandel oder der Bedrohung durch den Terrorismus ausgesetzt sehen. Fähigkeit und Anreize, zur Lösung dieser Probleme zusammenzuarbeiten, müssen gestärkt und nicht geschwächt werden.

Die Lehre aus all dem ist etwas, was die skandinavischen Länder schon vor langer Zeit erkannt haben. Die kleinen Länder dieser Region wussten, dass Offenheit der Schlüssel zu raschem wirtschaftlichen Wachstum und Wohlstand war. Doch um offen und demokratisch zu bleiben, mussten sie ihre Bürger überzeugen, dass wichtige Segmente der Gesellschaft nicht zurückgelassen werden würden.

Der Wohlfahrtsstaat wurde daher für den Erfolg der skandinavischen Länder integral. Sie verstanden, dass der einzig nachhaltige Wohlstand gemeinsamer Wohlstand ist. Dies ist eine Lehre, die die USA und der Rest Europas nun lernen müssen.

Aus dem Englischen von Jan Doolan