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Amerikas Ersparnisprobleme

NEW HAVEN – US-Politiker lamentieren ausnahmslos, dass der Handel der Feind der Mittelschicht und die hauptsächliche Quelle des Drucks auf Arbeitsplätze und Löhne sei. Der aktuelle Präsidentschaftswahlkampf macht diesbezüglich keine Ausnahme: Republikaner wie Demokraten haben China und die Trans-Pazifische Partnerschaft ins Visier genommen und stellen sie als Geißel der unter Druck stehenden amerikanischen Arbeitnehmer dar. Diese Erklärung mag politisch zweckdienlich sein, aber die Wahrheit liegt woanders.

Was den Handel angeht, so hat sich Amerika, wie ich kürzlich argumentiert habe, seine Probleme selbst zuzuschreiben. Schuld ist das hohe Ersparnisdefizit; das Land lebt seit Jahrzehnten über seine Verhältnisse und bedient sich dabei großzügig der Ersparnisüberschüsse des Auslands, um die größte Konsumorgie in der Geschichte zu finanzieren. Aber die Politiker wollen natürlich nicht den Wählern die Schuld für deren Verschwendungssucht geben; es ist viel einfacher, die Schuld anderswo zu suchen.

Diese Sparkritik bedarf weiterer Analyse. Die Daten zeigen, dass Länder mit Ersparnisdefiziten auch zu Handelsdefiziten neigen, während Länder mit Ersparnisüberschüssen tendenziell auch Handelsüberschüsse aufweisen. Die USA sind das offensichtlichste Beispiel: Sie wiesen Ende 2015 eine nationale Netto-Sparquote von 2,6% – nicht mal die Hälfte des Durchschnittes der letzten drei Jahrzehnte des 20. Jahrhunderts von 6,3% – und außerdem Handelsdefizite mit 101 Ländern auf.

Dasselbe Muster bestätigt sich auch anderswo. Großbritannien, Kanada, Finnland, Frankreich, Griechenland und Portugal – sämtlich Länder mit hohen Handelsdefiziten – sparen sehr viel weniger als andere entwickelte Länder. Sparstarke Länder wie Deutschland, Japan, die Niederlande, Norwegen, Dänemark, Südkorea, Schweden und die Schweiz weisen allesamt Handelsüberschüsse auf.