10

Chance Ölpreis

WASHINGTON, DC – Der steile Rückgang beim Rohölpreis seit Ende Juni hat weltweit Schlagzeilen gemacht – und eine Menge widersprüchlicher Erklärungen produziert. Manche führen den Preisverfall überwiegend auf zurückgehende globale Wachstumserwartungen zurück. Andere rücken die Ausweitung der amerikanischen Öl- und Gasproduktion in den Fokus. Wieder andere vermuten eine stillschweigende Übereinkunft zwischen Saudi-Arabien und den USA, die u.a. darauf abzielt, politische Rivalen wie Russland und den Iran zu schwächen.

Gleichgültig, was der Grund für den Preisrückgang ist – vermutlich ist es irgendeine Kombination dieser Faktoren –, die Folgen bleiben dieselben. Obwohl, wie die Geschäftsführende Direktorin des Internationalen Währungsfonds Christine Lagarde angemerkt hat, die niedrigeren Ölpreise das globale Gesamtwachstum ankurbeln könnten (wobei die Öl importierenden Länder am meisten profitieren würden), könnten die Auswirkungen auf die Bemühungen zur Bekämpfung des Klimawandels verheerend sein.

Tatsächlich würde ein nachhaltiger Rückgang der Ölpreise erneuerbare Energiequellen nicht nur jetzt weniger konkurrenzfähig machen; er würde zugleich ihre künftige Wettbewerbsfähigkeit verringern, indem er vor Forschung und Investitionen abschreckt. Allgemeiner würde er die Anreize für Verbraucher, Unternehmen und Regierungen verringern, energiesparendere Praktiken zu verfolgen.

Selbst wenn wir dabei unseren aktuellen Kurs beibehielten, wäre es praktisch unmöglich, einen Anstieg der Temperaturen auf mehr als 2 ºC über dem vorindustriellen Niveau zu verhindern – der Schwelle, ab welcher die gravierendsten Folgen des Klimawandels ausgelöst werden würden. Wie der neueste Bericht des Weltklimarates noch einmal klargestellt hat, können wir uns eine Verlangsamung bei den diesbezüglichen Fortschritten nicht leisten.