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Leben unter Besatzung

von Ralf Dahrendorf

Wenn ich manche Amerikaner wie die nationale Sicherheitsberaterin Condoleeza Rice höre, wie sie die Besatzung des Irak mit der Deutschlands (und Japans) nach dem zweiten Weltkrieg vergleicht, ruft das in mir Erinnerungen wach, denn als Kind erlebte ich die Besatzungszeit in Deutschland. In den zwölf Monaten nach der bedingungslosen Kapitulation des Nazi-Regimes im Mai 1945 lebte ich nacheinander unter russischer, amerikanischer und britischer Besatzung. Manchmal komme ich mir schon vor wie ein Experte auf dem Gebiet der vergleichenden Besatzungswissenschaft.

Aufgrund dieser Erfahrung kann ich Folgendes sagen: Alles hängt davon ab, wer die Besatzungsmacht ist. Als Ende April 1949 die sowjetischen Truppen in Berlin einmarschierten, gingen viele von uns auf die Straße, um sie zu willkommen zu heißen. Diese Begeisterung hielt allerdings nicht lange an.

Eines Tages bogen Panzer der Roten Armee von der Hauptstraße in unser Viertel ein und fuhren auf die Menschenmenge zu. Als die Menschen auseinanderliefen, begannen die Soldaten zu plündern und zu vergewaltigen. So ging es zwar nur ein paar Tage, aber die Angst vor den sowjetischen Besatzern blieb, selbst als sie begannen, Essen zu verteilen und eine wenigstens rudimentäre Verwaltung aufzubauen. Bald wurde klar, dass die Sowjets anstelle der Diktatur, die sie beseitigt hatten nur wieder eine neue aufbauten.