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Leben auf dem Vulkan

Während ich diese Zeilen schreibe, sind die Zusammenstöße zwischen Jugendlichen und der Polizei in den Vororten von Paris und anderen Städten Frankreichs seit beinahe zwei Wochen im Gange. Jede Nacht werden fast 1000 Autos in Brand gesteckt. Warum passiert das? Wie weit kann das gehen?

Die tausenden jungen Menschen ohne Einkommen oder persönliche Wurzeln, die unbeschäftigt ihre Tage verbringen und denen alles andere als Gewalt als Ausdrucksmittel für ihre Suche nach Anerkennung fremd ist, sind kein speziell französisches Phänomen. Wir erinnern uns alle an die Unruhen in den amerikanischen Städten Watts, Newark und Detroit in den 1960er Jahren sowie an die Krawalle in Liverpool in den frühen 1980er Jahren oder die Tumulte in Bradford, Oldham und Burnley in den letzten Jahren. Auch in Frankreich kam es vor 20 Jahren, in Vaux-en-Velin in der Nähe von Lyon, zu ähnlichen Unruhen. Es ist daher wichtig zu erkennen, wo die gemeinsamen Ursachen in vielen Industrieländern liegen und welche typisch für Frankreich sind.

In allen entwickelten Volkswirtschaften kam es in den letzten 30 Jahren zu tief greifenden Veränderungen. Der Management-Kapitalismus wurde vom Aktionärskapitalismus abgelöst, der staatliche Einfluss auf die Wirtschaft wurde zugunsten viel stärker deregulierter Märkte zurückgedrängt und wo früher die aktive und expansive Sozialpolitik der 1960er und 1970er Jahre herrschte, sind heute Einsparungen bei Sozialausgaben auf der Tagesordnung.

Obwohl der Wohlstand ständig gestiegen ist – das BIP hat sich in den letzten 50 Jahren mehr als verdoppelt – ist der Anteil der Löhne daran um 10 % gesunken, während Millionen Reiche noch reicher wurden. Das hat überall zu einer massiven Verarmung der am stärksten benachteiligten Bevölkerungsgruppen geführt. Die Massenarmut hat in den reichen Ländern wieder Einzug gehalten, obwohl es um 1980 den Anschein hatte, als wäre sie ausgerottet. Der Zugang zu guter Schulbildung und erst recht zum Arbeitsmarkt bleibt immer mehr jungen Menschen verwehrt, vor allem wenn sie aus armen Familien oder Alleinerzieherhaushalten stammen oder einer ethnischen, sprachlichen oder religiösen Minderheit angehören.