Opening of the new Google data center in Eemshaven VINCENT JANNINK/AFP/Getty Images

Informationsmonopolisten in die Schranken weisen

MEDFORD, MASSACHUSETTS – In einer modernen kapitalistischen Wirtschaft feiern wir Innovationen, die Marktmacht entfalten, fürchten aber die Gefahren einer unkontrollierten Beherrschung des Marktes. Diese Gefahren treten nirgendwo deutlicher zutage als bei den heutigen Monopolen der Informationstechnologie.

Die Frage wie sich umwälzende, marktbeherrschende Innovationen fördern lassen, während dem Missbrauch von Marktmacht ein Riegel vorgeschoben wird, stellt sich nicht erst seit dem digitalen Zeitalter. Ein Paradebeispiel aus den Vereinigten Staaten ist die Geschichte des Walmart-Gründers Sam Walton. Der Veteran des Zweiten Weltkriegs wurde vom Besitzer eines Gemischtwarenladens in einer Kleinstadt zu einem milliardenschweren Supermarkt-Mogul, der einmal der größte private Arbeitgeber der Welt sein würde.

Es ist eine packende Geschichte von unternehmerischem Wagemut und von Innovationen, die heute auf dem Lehrplan von BWL-Studenten auf aller Welt stehen, so etwa der Aufbau von Verteilzentren in dünn besiedelten Regionen und von globalen Lieferketten. Und die riesigen Gewinne, die Walmart seinen Gründern beschert, werden vom Nutzen für die Kunden der Supermarktkette in den Schatten gestellt, die sich auf die geringen Preise verlassen, die durch die Fähigkeit des Konzerns ermöglicht werden in großem Stil zu kaufen und zu verkaufen.

Trotzdem wird Walmart vorgeworfen, Innenstädte veröden und das Einkaufen unpersönlich werden zu lassen, sowie kleine Einzelhändler ihrer Lebensgrundlage zu berauben. In Zukunft könnte Walmart seine Marktmacht benutzen, um seinen Kunden mehr Geld aus der Tasche zu ziehen (obwohl ihm dabei ein anderer, ehrgeizigerer Gigant, Amazon, in die Quere kommen dürfte).

Bislang haben Amerikaner die schöpferische Zerstörung im Zusammenhang mit unternehmerischen Innovationen weitgehend toleriert – und sogar mit Beifall aufgenommen – und halten sich bei der Begrenzung potenziellen Missbrauchs zurück. Obwohl es Regeln gibt, die eine auf Verdrängung ausgerichtete Preisstrategie und „wettbewerbswidrige“ Zusammenschlüsse verbieten, sind Preiskämpfe und Übernahmen, die die Macht von Marktführern vergrößern in der Praxis erlaubt. Rechtlich angeordnete Zerschlagungen – wie etwa des Erdölraffinerie-Unternehmens Standard Oil 1911und der Telefongesellschaft AT&T 1982 – sind selten. Die Regulierung von Preisen, die von „natürlichen Monopolen“ (wie etwa Stromversorgern) verlangt werden, ist ebenfalls unüblich.

Dieser Ansatz zu Gunsten von Innovationen hat dazu beigetragen, die USA zum Gründungsort weltweit dominierender Unternehmen werden zu lassen und daran hat auch die digitale Revolution nichts geändert. Die „Informationsmonopolisten“ Google und Facebook, die kaum mit regulatorischen Hürden konfrontiert sind, haben einen beispiellosen Nutzen für ihre Kunden geschaffen – und sie haben sich eine gewaltige Marktmacht gesichert.

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Den traditionellen Medien sind diese Unternehmen an die Substanz gegangen, wenngleich viele der Verlierer selbst Oligopolisten oder Monopolisten waren. Als die US-Hörfunk- und Fernsehkonzerne ABC, CBS und NBC den Äther beherrschten, haben sie von Werbekunden saftige Preise verlangt. Die ein oder zwei Zeitungen, die in jeder Stadt oder Gemeinde tonangebend waren, haben einen ruinösen Preiswettbewerb vermieden. Das erklärt, warum die Schwierigkeiten traditioneller Medien – viele im Besitz von reichen Familien oder Konglomeraten – sogar noch weniger Gegenreaktionen ausgelöst haben als die Verdrängung selbständiger Einzelhandelsgeschäfte durch Walmart.

Ungehindertes Wachstum hat zweifellos dazu beigetragen den Nutzen zu vergrößern, den Google und Facebook bieten können. Je mehr Suchen auf Google durchgeführt werden, desto besser die Resultate. Je mehr Menschen Facebook nutzen, desto mehr Grund ebenfalls mitzumachen. So werden Werbekunden angezogen, mit deren Zahlungen Investitionen in verbesserte Technologien und zusätzliche Funktionen finanziert werden.

Doch unkontrollierte Marktmacht schafft Möglichkeiten für Missbrauch, insbesondere im Hinblick auf die Privatsphäre der Nutzer. Anders als Fernsehsender oder Zeitungen verschaffen diese Tech-Riesen Werbekunden nicht nur ein Publikum; sie schneiden die Werbung auf den individuellen Nutzer zu. Das ist ein wesentlicher Unterschied, denn um Werbeanzeigen wirksam individuell anpassen zu können – und somit ihren Wert für die Anzeigenkunden (und die Gewinne für die Internetplattform) zu maximieren – sammeln diese Unternehmen Unmengen an persönlichen Daten von ihren Nutzern.

Vielleicht wissen die meisten Nutzer nicht, welche Daten im Einzelnen erfasst werden und waren deshalb bislang überraschend tolerant gegenüber der Online-Überwachung. Die meisten wären empört, wenn ein Mega-Discounter den Einkaufswagen verwanzt, um herauszufinden welches Produkt einem bestimmten Kunden an der Kasse angepriesen werden sollte, selbst wenn es dazu beitragen würde die Preise niedrig zu halten und Maschinen und nicht Menschen die Daten abfangen würden. Trotzdem machen sich die wenigsten Nutzer die Mühe, die Nutzungsbedingungen von, sagen wir, Facebook zu lesen, bevor sie auf „Ich stimme zu“ klicken und interessieren sich nicht für das Ausmaß der durchgeführten Überwachung.

Umfangreiches Nutzer-Tracking ist zur neuen Normalität geworden. Die Frage ist nicht mehr, ob Facebook die persönlichen Daten seiner Nutzer zu Geld machen sollte, sondern ob das Unternehmen verpflichtet werden sollte, Nutzer für ihre Daten zu bezahlen oder ob es sogar eine Gebühr von Nutzern verlangt, die der Erhebung ihrer Daten ausdrücklich widersprechen wollen.

Es ist ganz und gar nicht klar, wie es um den Schutz der Daten bestellt ist, die diese Unternehmen sammeln. Facebook hält zwar daran fest, dass es keine Daten an Anzeigenkunden verkauft, aber es wurde trotzdem unlängst festgestellt, dass das Unternehmen die Daten von fast 90 Millionen Nutzern an das Datenanalyse- und Politikberatungsunternehmen Cambridge Analytica weitergegeben hat. Die anschließende Anhörung des Facebook-Gründers und -Chefs Mark Zuckerberg vor dem US-Kongress war angesichts mangelnder konkreter Informationen ebenfalls nicht gerade beruhigend. Die Kongressabgeordneten – von denen viele Wahlkampfspenden von Facebook erhalten haben – beschränkten sich größtenteils darauf die Nachlässigkeit von Facebook anzuprangern, und Zuckerberg versprach mehr Geld in die Sicherheit zu investieren.

Aber können die Daten, die von Facebook oder Google gesammelt werden jemals wirklich sein? Egal wie viel Geld für die Sicherheit großer Datenbanken ausgegeben wird, ist es weithergeholt zu glauben, dass niemand innerhalb oder außerhalb eines so riesigen und komplexen Unternehmens in der Lage wäre diesen Schutz zu durchbrechen. Nicht einmal Amerikas Nationale Sicherheitsbehörde NSA konnte den IT-Techniker Edward Snowdon daran hindern, mit einer Fülle an Staatsgeheimnissen auf einem USB-Stick nach Hause zu gehen.

In einigen Fällen, etwa im Gesundheits- oder im Bankwesen, rechtfertigt der öffentliche Nutzen digital gespeicherter Daten die Risiken. Im Großen und Ganzen ist es allerdings weitaus sicherer, die Erfassung von Daten zu begrenzen als sich auf den Schutz der Daten zu verlassen.

Wenn gewährleistet würde, dass die Informationsmonopolisten von heute nur eine sehr begrenzte Menge an persönlichen Daten erheben dürfen – sagen wir, was Zeitungen über ihre Abonnenten wissen –, wären die Nutzer geschützt, ohne die Attraktivität dieser Plattformen für Anzeigenkunden schwerwiegend zu beeinträchtigen. Ohne solche Einschränkungen könnten die Risiken, die diese Plattformen darstellen, in den Augen der Nutzer allmählich schwerer wiegen als ihr Nutzen – eine Entwicklung, die politische Auswirkungen haben könnte, die ebenso weitreichend sind wie der Aufstieg der Informationsmonopolisten.

Aus dem Englischen von Sandra Pontow.

http://prosyn.org/7BGqsSc/de;

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