solana134_MARCUS YAM  LOS ANGELES TIMES_aghan refugees soldiers MARCUS YAM LOS ANGELES TIMES

Drei Lehren aus zwei Jahrzehnten des Versagens

MADRID – Vor 20 Jahren schockierten die Terroranschläge vom 11. September die Welt. „Wir sind alle Amerikaner“ entwickelte sich zum weltweiten Slogan der Solidarität. Die Unverwundbarkeit des Westens nach dem Kalten Krieg war plötzlich als Illusion enttarnt. Die Globalisierung, die sich in den 1990er Jahren zum vorherrschenden Paradigma entwickelt und die westliche Wirtschaftsdominanz begründet hatte, offenbarte ihre dunkle Seite.

Zwei Jahrzehnte nach den Anschlägen sind die Folgen für den Westen und die weitere Welt kaum überzubewerten. Ein gewalttätiger nichtstaatlicher Akteur bestimmte in enormem Maße die internationale Agenda. Auch wenn die Hegemonie des von den USA angeführten Westens weiter außer Frage stand, schien der unipolare Moment der 1990er Jahre seinem Ende entgegenzugehen, und die US-Außenpolitik sollte durch den „globalen Krieg gegen den Terror“ einen grundlegenden Wandel erfahren.

Im Kontext der Zeit war es keine Überraschung, dass die US-geführte Invasion Afghanistans auf überwältigende internationale Unterstützung stieß. Die Anschläge vom 11. September konnten nicht unbeantwortet bleiben, und es waren die Taliban, die al-Qaeda eine Zuflucht geboten hatten, von der aus sie die Operation planen, organisieren und einleiten konnten.

Doch wird man sich an den Krieg in Afghanistan als großen Fehlschlag erinnern. Seine hohen Kosten und sein geringer Nutzen werfen eine offensichtliche Frage auf: Wofür das alles? Mehr als 48.000 afghanische Zivilisten, mindestens 66.000 afghanische Soldaten und 3500 NATO-Soldaten wurden während des 20-jährigen Konfliktes getötet. Die USA gaben mehr als zwei Billionen Dollar für den Versuch aus, in Afghanistan staatliche Institutionen aufzubauen, nur um mit ansehen zu müssen, wie diese angesichts des Vormarschs der Taliban zur Rückeroberung des Landes innerhalb von Wochen verschwanden.

Die Wiedererrichtung einer Taliban-Regierung in Kabul ist ein weiterer Beweis, dass der „globale Krieg gegen den Terror“ ein fehlgeleitetes Bemühen war. Die Afghanen – insbesondere Frauen und Kinder – sind jetzt erneut mit den Realitäten des Lebens unter einem fundamentalistischen Regime konfrontiert. Aufgabe des Westens ist es nun, über die Lehren aus dieser beklagenswerten Erfahrung nachzudenken.

Die erste Lehre ist, dass äußere militärische Gewalt keine sinnvolle Methode ist, um einen effektiven und dauerhaften Regimewechsel herbeizuführen. Der Westen ist komplett damit gescheitert, einen modernen, demokratischen und resilienten afghanischen Staat zu schaffen, der imstande gewesen wäre, der Bedrohung durch die Taliban zu widerstehen. Im Irak tappten die USA nach ihrer illegalen Invasion 2003 in die gleiche Falle; dort sahen sie sich rasch mit einer Aufstandsbewegung konfrontiert, die den Boden für den Islamischen Staat bereiten sollte. Und dann taten sie dasselbe erneut in Libyen, wo die Fixierung der NATO auf einen Sturz Muammar el-Gaddafis ein Land im Chaos hinterließ, das auf einen Bürgerkrieg zusteuerte.

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Verkürzt gesagt: Ein Nationbuilding von oben ist inzwischen allgemein diskreditiert. Dieses Modell geht davon aus, dass die Schaffung einer Militärpräsenz und viel Geld, das in das Land gesteckt wird, unweigerlich für Sicherheit, Entwicklung und eine demokratische Regierungsform sorgen werden. Doch weil der Aufbau einer Nation die Unterstützung der Bevölkerung erfordert, kann er nur funktionieren, wenn er durch lokale Repräsentanten betrieben wird, denen Legitimität zugestanden wird.

Dieses Element fehlte in Afghanistan. Durch seine Unterstützung von Warlords wie Abdul Rashid Dostum, dessen Streitkräfte zahlreiche Gräueltaten beginnen, untergrub der Westen seine eigenen Bemühungen zum Nationbuilding und verprellte einen Großteil der afghanischen Bevölkerung.

Allgemeiner hätte man erkennen müssen, dass die Vorstellung, dass man die bestehenden Institutionen eines Landes einfach durch neue ersetzen kann, nicht plausibel ist. Die meisten Staaten entstehen allmählich und von innen heraus durch Zusammenarbeit und Kompromisse über längere Zeiträume, und nicht durch ausländisches Diktat. Nachahmung und Verführung sind deutlich wirkungsstärker als Gewalt und Zwang.

Verschlimmert wurde die Lage noch dadurch, dass sich die Regierung von US-Präsident George W. Bush nach dem 11. September auf Kosten der Diplomatie, die lange Amerikas wertvollsten Aktivposten – seine Attraktivität für die übrige Welt – gestützt hatte, für einen Kurs militärischer Gewalt entschied. Die Berliner Mauer fiel nicht aufgrund von militärischer Gewalt, sondern weil die unter dem Kommunismus lebenden Menschen erkannten, dass das westliche Wirtschaftsmodell einen höheren Lebensstandard hervorbrachte als den, auf den sie hoffen konnten.

Die zweite Lehre aus 20 Jahren in Afghanistan ist, dass lokale Staatenbildung mit regionalen Strategien verknüpft werden sollte. Ansätze, die wichtige regionale Akteure ausgrenzen, sind insbesondere in der heutigen multipolaren Welt nicht praktikabel. Durch seinen Alleingang versäumte es der Westen, dem sich wandelnden internationalen Machtgleichgewicht Rechnung zu tragen.

Die Chancen, die sich in Afghanistans Nachbarschaft boten, wurden so vertan. China war zu Kriegsbeginn nicht in einer Position, einen wesentlichen Beitrag zu leisten, doch mit seinem Aufstieg zur Weltmacht hätte es ein nützlicher Partner sein können. Durch engere Abstimmung der US-geführten Stabilisierungsbemühungen und der chinesischen Auslandsinvestitionen in Afghanistan hätten sich die Vorteile von Entwicklungsprojekten für die örtliche Bevölkerung maximieren lassen.

In ähnlicher Weise hätte ein größeres russisches Engagement es ermöglicht, dass zusätzliche Ressourcen Afghanistan über das sogenannte Northern Distribution Network erreicht hätten. Dies hätte die Notwendigkeit verringert, durch Pakistan zu gehen, das dadurch erheblichen Einfluss gewann. Auch hätte Saudi-Arabien als Empfänger von US-Waffenlieferungen und wichtiger Investor in Pakistan auf die pakistanische Regierung einwirken können, um diese zu bewegen, eine konstruktivere Rolle bei der Lösung regionaler Probleme zu spielen.

Eine letzte Lehre aus dem afghanischen Debakel betrifft Europa, das an die Notwendigkeit erinnert wurde, im Einklang mit seinen strategischen Interessen seine eigenen Fähigkeiten auszubauen. Die Abkehr der amerikanischen Außenpolitik von der Rolle des Weltpolizisten sollte Europa veranlassen, gründlich über seine Abhängigkeit von den Fähigkeiten und der Politik der USA nachzudenken.

Die Evakuierung aus Kabul bietet ein krudes Beispiel dafür, was auf dem Spiel steht. Ohne US-Militärflugzeuge wären Amerikas Verbündete nicht in der Lage gewesen, ihr Personal aus dem Land zu evakuieren. Und angesichts der nun drohenden Aussicht auf eine weitere europäische Flüchtlingskrise könnte die Rechnung für die mangelnde Fähigkeit, in Afghanistan autonom zu agieren, bald fällig werden. Der Geist des „Learning by Doing“ sollte die Europäische Union veranlassen, ihre zivil-militärischen Operationen in Schlüsselregionen zu verstärken, um zu verhindern, dass sich die Instabilität weiter Richtung Europa verlagert.

Obwohl sich die Welt in den letzten 20 Jahren deutlich verändert hat, ist das Problem des internationalen Terrorismus bei weitem nicht gelöst. Die beunruhigende Sicherheitslage im Sahel etwa sollte uns alle veranlassen, darüber nachzudenken, welche Vorgehensweise wir künftig verfolgen wollen. Eines allerdings ist klar: „Endlose Kriege“ sind untragbar, insbesondere für jene, die sie erdulden müssen. Nach dem 11. September waren wir alle Amerikaner, aber wir vergaßen, auch Afghanen zu sein.

Aus dem Englischen von Jan Doolan

https://prosyn.org/O2JltARde