President of Lebanon Michel Aoun Anadolu Agency/Getty Images

Die Spielwiese Gottes im Nahen Osten

PARIS – In seinem Klassiker über die Geschichte Polens beschreibt Norman Davies das Land im 18. Jahrhundert als die „Spielwiese Gottes.“ Diese Beschreibung könnte man auf den Libanon von heute auch anwenden. Ebenso wie Polen damals leidet der Libanon unter einer Kombination aus zu schwachen nationalen Institutionen und zu starken Nachbarn.

The Year Ahead 2018

The world’s leading thinkers and policymakers examine what’s come apart in the past year, and anticipate what will define the year ahead.

Order now

In den letzten Monaten war der Libanon – mehr als jedes andere Land mit Ausnahme Syriens – im Kreuzfeuer zwischen dem Iran und Saudi Arabien gefangen. Der Iran hat im Irak und Syrien an Einfluss gewonnen und zwar aufgrund der effektiven militärischen Niederlage des Islamischen Staates (IS), von der der Iran noch stärker profitierte als Russland. Gleichzeitig erlebt Saudi Arabien, der schärfste Rivale des Iran, einen innenpolitischen Machtkampf wie es ihn jahrzehntelang nicht gab. Dies sogar während das Land versucht, die sunnitisch muslimische Welt in ihrer Auseinandersetzung mit dem schiitischen Islam anzuführen.

Womöglich als Reaktion auf eine empfundene Einmischung des Iran war der (als MBS bekannte) junge und ambitionierte saudi-arabische Kronprinz Mohammed bin Salman in den letzten Wochen politisch, sozial, diplomatisch und militärisch hyperaktiv. Für MBS sind die von ihm angestrebten tiefgreifenden Strukturreformen eine Frage von Leben oder Tod seines Landes, das so lange in Erstarrung verharrte.  

Im Libanon hat die vom Iran unterstützte politische Partei und Miliz Hisbollah in den letzten zwei Jahrzehnten einen Staat im Staat geformt. Und letztes Jahr trat man mit dem libanesischen Premierminister Saad Hariri und Präsident Michel Aoun in eine Beziehung der Machtteilung ein. Vor diesem Hintergrund scheint Saudi Arabien Anfang dieses Monats die wachsenden Ambitionen des Iran als Vorwand benutzt zu haben, um Hariri wie einen ungezogenen Schüler nach Riad zu beordern. Während seines Aufenthalts dort beschuldigte Hariri die Hisbollah, sein Land übernehmen zu wollen und kündigte anschließend seinen Rücktritt an – eine Entscheidung, die er mittlerweile wieder ausgesetzt hat.

In den Augen vieler politischer Analytiker wurde die Hisbollah nicht nur im Libanon zu mächtig, sondern auch im Jemen, wo sie angeblich den vom Iran unterstützten Huthi-Rebellen in einem Stellvertreterkrieg gegen die Saudis beisteht. Eine Eskalation des Krieges im Jemen könnte also der Ausgangspunkt für die jüngste Krise im Libanon gewesen sein.

Nachdem der Krieg gegen den IS zu seinem Ende kommt, kann eine neue Runde der Gewalt im Libanon – zwischen pro-saudischen und pro-iranischen Kräften oder gar zwischen Hisbollah und Israel - nicht ausgeschlossen werden. Während der Iran aus seinen jüngsten Siegen Mut schöpfte, wurde es Mohammed bin Salman aufgrund seines Reformprogramms unmöglich, Zeichen von Schwäche zu zeigen. „Rechtzeitige Reformen statt einer Stärkung des revolutionären Geistes, reduzieren diesen zu Machtlosigkeit“, bemerkte einst Camillo Benso Graf von Cavour, Führungsfigur der italienischen Unabhängigkeitsbewegung. Doch zur Einschätzung der Lage Mohammed bin Salmans sollten diese nachfolgenden Ereignisse in Saudi Arabien Alexis de Tocquevilles berühmte Warnung in Erinnerung rufen: „Der gefährlichste Augenblick für eine schlechte Regierung ist derjenige, in dem sie sich zu reformieren beginnt.”

Was sollte also nach der Niederlage des IS oberste Priorität im Nahen Osten sein? Einige Beobachter fordern soziale und wirtschaftliche Reformen, um dem Extremismus die Grundlagen zu entziehen. Obwohl man dem kaum widersprechen kann, wird es lange Zeit dauern, bis eine derartige Reformagenda Früchte trägt.

Andere wiederum halten es für eine weit dringendere Priorität, den Iran einzudämmen, der nach Aufarbeitung seiner jüngsten Erfolge noch größere Ambitionen entwickelt. Im September führte der Iran Tests mit einer neuen ballistischen Rakete durch. Und laut Angaben der Israelis baut der Iran einen Militärstützpunkt in Syrien, nicht weit von den Golanhöhen entfernt, die Israel seit 1967 kontrolliert. Für diese zweite Beobachtergruppe ist es Zeit, erneut Sanktionen gegen das Regime des Iran zu verhängen. 

Eine dritte Denkschule hält Stabilität – die Notwendigkeit, in der Region absolutes Chaos zu verhindern – für das Allerwichtigste. Da der Nahe Osten ohnehin in einem Strudel aus religiösen Konflikten versinkt, ist ein weiterer Krieg rund um den Libanon das Letzte was dort gebraucht wird.

Der französische Präsident Emmanuel Macron versuchte im Rahmen eines Kurzbesuchs in Riad in diesem Monat die Spannungen zu entschärfen. Doch Appelle an die Vernunft verfehlen ihre Wirkung, wenn die Emotionen hochgehen. Können die Iraner überzeugt werden, dass sie bereits erreichte Vorteile verlieren, wenn sie zu weit gehen? Viel wird davon abhängen, ob ein „iranischer Bismarck“ auf der Bildfläche erscheint, der das Land überzeugt, eine Politik der Grenzen zu akzeptieren.

Und können die Saudis überzeugt werden, dass auch sie über das Ziel hinausschießen? In Anbetracht der Tatsache, dass das Embargo der Saudis gegen Katar und der Krieg im Jemen unwirksam, wenn nicht gar kontraproduktiv sind, dürften sie im Libanon kaum besser abschneiden. Die Stimme zu erheben, um eine Schwäche zu kaschieren, ist eine gefährliche Strategie, die katastrophale Folgen haben kann.

Im Hinblick auf Frankreich scheint die direkte Beteiligung am Versuch, die Spannungen im Nahen Osten abzubauen, im Zeitalter eines Donald Trump unerlässlich. Da er seine Administration direkt an der Seite Saudi Arabiens positionierte, haben die Vereinigten Staaten keine Chance, als Vermittler ohne Eigeninteressen betrachtet zu werden. 

Freilich kann Frankreich nicht an die Stelle Amerikas treten. Aber ebenso wie die Natur meidet auch die Geopolitik das Vakuum und Frankreich verfügt über einzigartige historische und kulturelle Karten, die es im Libanon ausspielen kann. Außerdem ist Frankreichs Haltung gegenüber Saudi Arabien und dem Iran ausgeglichener als jene der USA. Wenn Saudis und Iraner gleichermaßen erkennen, dass der Abbau der Spannungen in ihrem Interesse liegt, könnten sie auch auf einen europäischen Vermittler hören. Leider scheinen beide Seite fest entschlossen, ihre Scheuklappen nicht abzunehmen – egal, was dabei im Libanon herauskommt.

Aus dem Englischen von Helga Klinger-Groier

http://prosyn.org/SI6D8Bt/de;

Handpicked to read next

  1. Patrick Kovarik/Getty Images

    The Summit of Climate Hopes

    Presidents, prime ministers, and policymakers gather in Paris today for the One Planet Summit. But with no senior US representative attending, is the 2015 Paris climate agreement still viable?

  2. Trump greets his supporters The Washington Post/Getty Images

    Populist Plutocracy and the Future of America

    • In the first year of his presidency, Donald Trump has consistently sold out the blue-collar, socially conservative whites who brought him to power, while pursuing policies to enrich his fellow plutocrats. 

    • Sooner or later, Trump's core supporters will wake up to this fact, so it is worth asking how far he might go to keep them on his side.
  3. Agents are bidding on at the auction of Leonardo da Vinci's 'Salvator Mundi' Eduardo Munoz Alvarez/Getty Images

    The Man Who Didn’t Save the World

    A Saudi prince has been revealed to be the buyer of Leonardo da Vinci's "Salvator Mundi," for which he spent $450.3 million. Had he given the money to the poor, as the subject of the painting instructed another rich man, he could have restored eyesight to nine million people, or enabled 13 million families to grow 50% more food.

  4.  An inside view of the 'AknRobotics' Anadolu Agency/Getty Images

    Two Myths About Automation

    While many people believe that technological progress and job destruction are accelerating dramatically, there is no evidence of either trend. In reality, total factor productivity, the best summary measure of the pace of technical change, has been stagnating since 2005 in the US and across the advanced-country world.

  5. A student shows a combo pictures of three dictators, Austrian born Hitler, Castro and Stalin with Viktor Orban Attila Kisbenedek/Getty Images

    The Hungarian Government’s Failed Campaign of Lies

    The Hungarian government has released the results of its "national consultation" on what it calls the "Soros Plan" to flood the country with Muslim migrants and refugees. But no such plan exists, only a taxpayer-funded propaganda campaign to help a corrupt administration deflect attention from its failure to fulfill Hungarians’ aspirations.

  6. Project Syndicate

    DEBATE: Should the Eurozone Impose Fiscal Union?

    French President Emmanuel Macron wants European leaders to appoint a eurozone finance minister as a way to ensure the single currency's long-term viability. But would it work, and, more fundamentally, is it necessary?

  7. The Year Ahead 2018

    The world’s leading thinkers and policymakers examine what’s come apart in the past year, and anticipate what will define the year ahead.

    Order now