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Lateinamerikas goldene Ära

Immer, wenn in den lateinamerikanischen Ländern Anzeichen für eine Veränderung erkennbar werden, fragen die Menschen, ob es eine vorübergehende oder eine dauerhafte Veränderung sein wird. Ein hauptsächlich durch den fast unersättlichen Appetit Chinas und Indiens angetriebener, starker Wachstumsschub hat Lateinamerika erfasst. In den letzten fünf Jahren ist Chiles BIP jährlich um 5 % gewachsen, Argentiniens um fast 9 %, Venezuelas um über 10 % und das der Andengemeinschaft um 6 %. Es ist zu erwarten, dass das Gesamtwachstum des Kontinents von 4,5 % für das Jahr 2007 dem Weltdurchschnitt von 5 % hinterherhinken wird, doch nur weil die größten Länder, Mexiko und Brasilien, langsamer wachsen.

Ein seit dem Zweiten Weltkrieg in Lateinamerika regelmäßig wiederkehrendes Thema ist, dass derartige Hochkonjunkturen durch große Leistungsbilanzdefizite untergraben werden, also durch Verschuldung. Doch wird das diesmal nicht passieren. Lateinamerika wird das Jahr 2007 mit einem Leistungsbilanzüberschuss und steigenden Devisenreserven abschließen, die es vor Finanzkrisen schützen. Zum einen wächst der Welthandel und ebenso die lateinamerikanischen Exporte, zum anderen hat sich das Austauschverhältnis verbessert.

Hohe Rohstoffpreise haben die Produzenten von Öl und Gas (z. B. Venezuela und Bolivien) und von Mineralen (z. B. Chile) begünstigt. Zudem profitieren jetzt Agrarländer (wie Argentinien und Uruguay), die jahrzehntelang Not gelitten haben, von den beachtlichen biogenetischen Innovationen, die größere Flächen von Ackerland nutzbar machen. Außerdem gibt es auch noch ein überraschendes Phänomen, das allen zugute kommt: Die Preise von technologiebasierten Anlagegütern, die nach Lateinamerika eingeführt werden, fallen seit zehn Jahren.

Ein weiteres Phänomen ist an das erste gekoppelt. Der strukturbedingte Deflationsdruck in den Industrieländern – z. B. die viel diskutierten Produktivitätssteigerungen in den Vereinigten Staaten – helfen den Zentralbanken, die Preisstabilität aufrechtzuerhalten, d. h., dass die steigenden Exporte und das hohe Austauschverhältnis von relativ niedrigen Zinssätzen begleitet wurden.