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Die krank machende Botschaft der Weltmeisterschaft

LONDON – Eine Milliarde Menschen sahen das Eröffnungsspiel der FIFA-Weltmeisterschaft im brasilianischen São Paulo, und während des einmonatigen Wettkampfes werden sich weitere Hunderte von Millionen zuschalten. Für die sechs großen Partner der FIFA und die acht offiziellen Sponsoren stellt dieses Publikum nicht weniger als eine Goldmine dar. Tatsächlich zahlen sie zig Millionen Dollar in der Hoffnung, etwas vom Zauber des „schönen Spiels“ könnte auf ihre Marken abfärben – was auch durchaus möglich ist. Für die Zuschauer aber ist dies wahrscheinlich keine gute Sache.

Für zumindest einen Partner der FIFA, Budweiser, war die Zeit vor dem Anstoß nicht ohne Drama. Der Firma wurde vorgeworfen, sie habe die brasilianische Regierung genötigt, ein nationales Gesetz, das den Verkauf von Alkohol in Fußballstadien untersagt, zu widerrufen. Trotz großen Widerstands gegen die Aufhebung des Gesetzes war die FIFA resolut: „Alkoholische Getränke sind Teil der FIFA-Fußballweltmeisterschaft, also werden sie dabei sein.“

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Das Sponsoring durch Unternehmen wie Budweiser, McDonald’s, Coca-Cola und den Fertiggerichtgiganten Moy Park bringen dem Spiel Millionen von Dollar ein. Aber welche Botschaft wird dem weltweiten Publikum damit übermittelt? Werbung für Alkohol, zuckerhaltige Getränke und Fast Food mag Unternehmen enorme Profite bescheren. Aber sie bedeutet auch schlechtere Gesundheit für die Menschen und eine teure Bürde für die nationalen Gesundheitssysteme.

Statt sich lediglich darauf zu beschränken, dass Alkohol in Stadien die Gewalt fördern kann, sollten die Medien den Schaden betonen, den Alkohol und industriell verarbeitete Lebensmittel der Weltbevölkerung jeden Tag zufügen. Der Konsum solcher Produkte steigt immer noch an – nicht zuletzt aufgrund der millionenschweren weltweiten Anzeigenkampagnen. Im Laufe des letzten Jahrzehnts haben sich die weltweiten Verkäufe von Softdrinks verdoppelt, der Alkoholkonsum pro Kopfist gestiegen, und auch der Tabakverbrauch hat zugenommen. Die Sache wird dadurch noch verschlimmert, dass der größte Teil dieser Zunahme in Ländern geringen bis mittleren Einkommens stattfindet, die gegen die kommende Gesundheitskrise am wenigsten ausrichten können.

Ein Faktor, der diesen Bedrohungen der öffentlichen Gesundheit zugrunde liegt, ist die Art der Krankheiten. Gesundheitsexperten ordnen Krankheiten traditionell zwei Kategorien zu: ansteckende Krankheiten, die in erster Linie durch Infektion verursacht werden, und nicht ansteckende Krankheiten – also alle anderen.

Unter den nicht ansteckenden Krankheiten tragen vier besonders zu frühem Tod oder Behinderung bei: Herz-Kreislauf-Erkrankungen, chronische Lungenkrankheiten, Krebs und Diabetes. Im Jahr 2010 wurden durch diese vier Krankheitsbilder 47% aller Todesfälle verursacht, darunter neun Millionen Tote unter 60 Jahren.

Die Hauptrisikofaktoren für ihren Ausbruch – Tabakrauchen, übermäßiger Alkoholkonsum, Übergewicht und Bewegungsmangel – spiegeln tief verwurzelte ungesunde Angewohnheiten wider. Angesichts dessen, dass es genau diese Art von Gewohnheiten sind, die von Unternehmen wie den WM-Sponsoren gefördert werden, wäre eine bessere Krankheitsklassifizierung wohl pestilentia lucro causa (PLC) oder „profitgetriebene Krankheit“.

Der Überkonsum von Alkohol, Tabak und energiereichem, industriell hergestelltem Essen wird oft als Lebensstil-„Entscheidung“ bezeichnet. Aber die bestimmenden Faktoren solcher Entscheidungen befinden sich oft jenseits der direkten menschlichen Kontrolle. Die starken Verbindungen zwischen PLCs und Faktoren wie Armut oder Geschlechtszugehörigkeit legen nahe, dass umfassendere soziale Kräfte auf das gesundheitsbezogene Verhalten des Individuums massiven Druck ausüben.

Um das Problem der PLCs zu lösen, ist in Bezug auf die Gesundheit und die Organisationen, die sie schützen sollen, ein neuer Ansatz erforderlich. Im aktuellen System sind die Vereinten Nationen und andere mit Gesundheitspolitik befassten technischen Behörden nicht in der Lage, die Gründe für schlechte Gesundheit effektiv zu bekämpfen. Große Konzerne verfügen über Ressourcen, Lobbyistenmacht, Werbebudgets und Lieferketten, von denen die UN nur träumen können. Und während die Weltgesundheitsorganisation mit zwei Milliarden USD im Jahr kurz gehalten wird, steckt sich die Tabakindustrie jährlich 35 Milliarden Dollar Gewinne ein.

Was kann unternommen werden, um mehr Chancengleichheit herzustellen? Wie jeder Fußballexperte weiß, hängt Erfolg von Teamwork ab. Zuerst müssen die Konsumenten besser über die langfristigen Effekte der Sponsorprodukte informiert werden. Schließlich besteht der effektivste Weg, Unternehmen zu Veränderungen zu bewegen, darin, ihre Produkte nicht mehr zu kaufen. Wenn die Menschen ihre Stimme erheben – beispielsweise für den Verbot der Werbung für Brustmilchersatz oder für besseren Zugang zu lebensrettenden Medikamenten – hören große Konzerne oft zu.

Zweitens müssen die Politiker realistisch sein. Während in Bezug auf technologische Fortschritte, die zur Kontrolle von Behandlungskosten beitragen, sicherlich Optimismus möglich ist, ist es eine Tatsache, dass die Behandlung eines immer größeren Teils der Weltbevölkerung einfach nicht machbar ist. Tatsächlich schätzt das Weltwirtschaftsforum, dass die vier großen PLCs 2010 die Weltwirtschaft mit 3,75 Billionen USD belastet haben, von denen über die Hälfte für medizinische Behandlung ausgegeben wurden. In diesen Zusammenhang sind Präventionsstrategien von entscheidender Bedeutung.

Drittens spielen auch die Unternehmen eine wichtige Rolle. Die Eindämmung von PLCs – und damit die Gesundheit und Produktivität jetziger und zukünftiger Generationen – ist im Interesse der Firmen, auch über den Schlüsselaspekt der sozialen Unternehmensverantwortung hinaus. Freiwillige Selbstverpflichtungen zur Begrenzung des Zuckergehalts in Softdrinks und zur Reduzierung von Salz in industriell verarbeiteten Lebensmitteln sind ein positiver Schritt, reichen aber bei weitem nicht aus.

Und schließlich braucht jedes erfolgreiche Team einen starken Manager. Im Kampf gegen die PLCs müssen diese Rolle die internationalen und nationalen Regulierungsbehörden einnehmen, die die Regeln des Spiels aufstellen und durchsetzen, um die Gesundheit der Menschen in aller Welt zu schützen.

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Die Weltmeisterschaft hat einen enormen sozialen Einfluss, auch auf die weltweite Gesundheit. Die FIFA hat die Verantwortung dafür, dass die Zuschauer der Spiele keine Botschaft erhalten, von der sie krank werden.

Aus dem Englischen von Harald Eckhoff