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Der Sprung der EZB ins Unbekannte

FRANKFURT – Die Europäische Zentralbank steckt mitten in einem großen, riskanten Experiment. Die Leitzinsen liegen seit nunmehr sechs Jahren in Nullpunktnähe. Die Finanzmärkte schwimmen in Liquidität. Das Krisenmanagement hat zu erheblichen Marktverzerrungen geführt, wobei die Entwicklung einiger Segmente nicht länger durch die wirtschaftlichen Rahmendaten erklärbar ist. Die unbeabsichtigten Folgen dieser Politik zeichnen sich immer deutlicher ab – und werden angesichts des Ausstiegs der US Federal Reserve aus der ultralockeren Geldpolitik nach 2008 noch greifbarer werden.

Und doch ist die Krise in Europa, wie die Entscheidungen des EZB-Rates vom Juni und September zeigen, noch lange nicht ausgestanden. Dies spiegelt zwei Faktoren wider: den unzureichenden Ehrgeiz bei der Umsetzung unerlässlicher Bilanzkorrekturen und langsame – in Frankreich und Italien verschwindend geringe – Fortschritte bei der Restrukturierung der nationalen Volkswirtschaften Europas.

Die Entscheidung der EZB, die geldpolitischen Impulse noch auszuweiten, ist deshalb als Akt der Verzweiflung zu betrachten. Ihr Leitzins wurde auf 0,05% abgesenkt, der Einlagenzins ist negativ, und zielgerichtete längerfristige Refinanzierungsgeschäfte sollen die Kreditvergabe durch die Banken unterstützen. Zudem soll der Markt für Asset Backed Securities durch ASB-Käufe wiederbelebt werden. All dies soll die Märkte mit Liquidität überfluten, die Bilanz des Eurosystems um 700 Mrd. Euro ausweiten und eine Rückkehr zu einem Bilanzvolumen wie Anfang 2012 bewirken.

Die Ausweitung der EZB-Bilanz und die zielgerichtete Abwertung des Euro  sollen dazu beitragen, die kurzfristige Inflationsrate in der Eurozone in die Nähe von 2% zu bringen und so die angeblichen Deflationsrisiken zu verringern. Erstmals in ihrer Geschichte scheint die EZB ein Wechselkursziel zu verfolgen. Wie im Falle der Bank von Japan wird sich der Außenwert der Währung im Rahmen eines neuen, strategischen Ansatzes zu einem wichtigen Instrument entwickeln.