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Die Ukraine – eine Tragödie in mehreren Akten

BERLIN – Große politische Strategie und ganz einfache lebenspraktische Erfahrungen haben oft viel gemein. Versuchte man etwa eine Salami als ganzes zu verzehren, so würde man wohl daran ersticken oder anderweitig zugrunde gehen, und deswegen werden diese beliebten Hartwürste in Scheiben aufgeschnitten. Am Ende ist das Ziel erreicht und die Salami verspeist, ohne dass deren Verzehr zu dauerhaftem Schaden geführt hat. Und genau so handelt man auch in der großen Welt der politischen Strategie.

Ein Ziel, das man nicht auf einmal erreichen kann, muss man sich eben geduldig und, Scheibe für Scheibe verzehrend, annähern, bis man es schließlich erreicht und „verspeist“ hat. Es kommt daher nicht von ungefähr, dass man eine solche Vorgehensweise in der Welt der Politik „Salamitaktik“ nennt, und es ist genau diese Taktik, die der Kreml gegenwärtig gegenüber der Ukraine anwendet.

Vor unseren Augen entfaltet sich dort eine Tragödie in mehreren Akten, bei der die handelnden Akteure und ihre Ziele sehr klar sind, allein die Frage nach der Anzahl der Akte dieses politischen Trauerspiels und damit der Dauer des Stücks und seines Ausgangs ist gegenwärtig noch nicht beantwortbar:

Der erste Akt fand im Spätherbst des vergangenen Jahres statt, als Wladimir Putin und Victor Janukowitsch die EU und ihre in Vilnius versammelten Staats- und Regierungschefs übertölpelten, indem der ukrainische Präsident kein Assoziierungsabkommen mit der EU unterzeichnete, sondern für sehr viel Geld und billigeres Öl und Gas der Zollunion mit Russland beitrat. Wladimir Putin schien am Ziel seiner Politik angekommen, nämlich die Ukraine friedlich zurück in den russischen Einflussbereich zu holen und so die postsowjetische Ordnung in Osteuropa zu revidieren.