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Der Nahe Osten im arabischen Winter

BERLIN – Reisen bildet, heißt ein altes Sprichwort und dies gilt besonders für den Nahen Osten. Wenn man dort gegenwärtig unterwegs ist, so kann einem durchaus das Gruseln überkommen. Als erstes fällt auf, dass einerseits die Jugendrevolte an ihr vorläufiges Ende gekommen ist, zugleich sich aber die Region in weiten Teilen grundsätzlich verändert hat. Der Sieg der Konterrevolution und der Machtpolitik, wie in Ägypten, hat nur scheinbar die alten Verhältnisse wieder hergestellt.

Zweitens, dass nach dem zivilgesellschaftlichen Aufbruch nach 2011 sich die Region wieder fest im Würgegriff der Machtpolitik befindet, gleichwohl aber sich die meisten politisch-strategischen Achsen im Nahen Osten dauerhaft verschoben haben. Der Iran mit seinen nuklearen und hegemonialen Ambitionen befindet sich fortan im Zentrum, während das alte Zentrum – der israelisch-palästinensische Konflikt - nahezu marginalisiert wurde.

Diese weit reichende Achsenverschiebung wird in völlig neuen Interessenbündnissen sichtbar: Saudi-Arabien und Israel gegen den Iran einerseits und die Möglichkeit einer amerikanisch-iranischen Detente andererseits sind zwei Optionen, die vor wenigen Monaten noch in das Reich einer blühenden Phantasie verwiesen worden wären. Heute sind das durchaus realistische Optionen!

Ideologisch sortiert sich der neue Zentralkonflikt mit dem Iran entlang des innerislamischen religiösen Konflikts zwischen Sunna (große Mehrheit) und Schia (Minderheit). Entsprechend dieser religiös-ideologischen Konfrontation wird gegenwärtig bereits der verheerende syrische Bürgerkrieg ausgefochten, und da sich dort ein militärisch-machtpolitisches Patt abzeichnet, spricht vieles für eine dauerhafte Teilung des Landes entlang dieser konfessionellen Linien (Bosnien!)