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Japan: Der Tod einer Illusion

TOKIO – Der japanische Premierminister Shinzo Abe befand sich auf einer sechstägigen Reise durch Ägypten, Jordanien, Libanon, Israel und Palästina, als die Terrormiliz „Islamischer Staat“ (IS) ein Video mit der Drohung veröffentlichte, zwei japanische Geiseln zu ermorden. Haruna Yukawa und Kenji Goto würden sterben, wenn seine Regierung nicht innerhalb von 72 Stunden 200 Millionen US-Dollar Lösegeld zahlt. Wirklichen Entscheidungsspielraum hatte Abe nicht. Den hat Japan nie, wenn es um den Schutz seiner Bürger im Ausland geht.

Als Abe den Forderungen nicht nachkam, veröffentlichte der IS ein zweites Video, in dem behauptet wurde, Yukawa, der vergangenen August in Syrien gefangen genommen wurde, als er Berichten zufolge mit Vorbereitungen zur Gründung einer privaten Sicherheitsfirma mit Sitz in Japan befasst war, sei enthauptet worden. Goto, ein Journalist, der im Oktober nach Syrien gereist war, um Yukawas Freilassung zu bewirken, soll angeblich verschont werden, wenn Japan sicherstellt, dass Jordanien eine verurteilte Terroristin freilässt.

Gotos Ehefrau hatte im Dezember eine E-Mail erhalten, in der ein Lösegeld in Höhe von 2 Milliarden Yen (17 Millionen US-Dollar) gefordert wurde. Es scheint jedoch, dass sich dem IS durch Abes Nahostreise bessere Möglichkeiten eröffnet haben, möglichst viel aus seinen japanischen Geiseln herauszuholen.

Die Lösegeldforderung sollte nicht nur Geld in die Kasse des IS spülen; sie diente als deutliche Botschaft. Drei Tage bevor die Forderung gestellt wurde, hatte Abe versprochen, Länder im Kampf gegen den IS mit 200 Millionen US-Dollar an nichtmilitärischen Hilfsgeldern zu unterstützen, unter anderem Jordanien, Syrien, Irak und Libanon, die alle eine große Anzahl von Flüchtlingen aufgenommen haben.