10

Die strategische Logik des Islamischen Staates

LONDON – Der so genannte Islamische Staat (IS) stellt weiterhin eine gravierende Herausforderung dar, und zwar nicht nur für den Nahen Osten, sondern für die ganze Welt. Obwohl die Bemühungen der von den USA angeführten Koalition zu einer Schwächung des IS geführt haben, hat sich die Zerschlagung der Organisation als schwierig erweisen – und sie zu weiteren Angriffen an Orten von Brüssel bis in das weit entfernte Bangladesch veranlasst.

Um zu ergründen, wie man dem IS ein für alle Mal den Garaus machen kann, müssen wir zunächst seine Strategie verstehen. Eines ist jedenfalls sicher: auch wenn die mit dem IS in Zusammenhang stehenden Angriffe zufällig erscheinen, steht hinter dem weltweiten Kreuzzug dieser Gruppe doch eine strategische Logik.

Erdogan

Whither Turkey?

Sinan Ülgen engages the views of Carl Bildt, Dani Rodrik, Marietje Schaake, and others on the future of one of the world’s most strategically important countries in the aftermath of July’s failed coup.

Der IS kämpft um sein Überleben. Er verfügt weder über das Geld noch über die personelle Ausstattung um so etwas wie einen traditionellen Krieg gegen die von den USA angeführte Koalition und ihre lokalen Verbündeten zu führen – zumindest nicht für längere Zeit. Sehr wohl jedoch hat man eine Botschaft, die in einer Reihe von Ländern im Nahen Osten, in Europa und anderswo bei gewissen Gruppen Anklang findet – typischerweise bei an den Rand gedrängten, desillusionierten und belasteten jungen Männern. Und der IS hat durchaus Fähigkeiten entwickelt, sich dieser Personalreserven zu bedienen.

Die Sprecher der Organisation haben ihre Anhänger und Unterstützer aufgerufen, weltweit, aber vor allem im Westen, gegen ihre Feinde vorzugehen. Einsame Wölfe, heimliche Sympathisanten oder eng verwobene lokale Zellen zu Anschlägen an entfernten, nicht vorherbestimmten Orten zu motivieren, ist die ultimative Waffe der Schwachen in asymmetrischen Konflikten. Dies ermöglicht dem IS, sämtlichen Nutzen aus einem Anschlag zu ziehen und keine der damit verbundenen Kosten zu tragen.

Dieser Nutzen ist erheblich. Derartige Attacken lenken von den Verlusten des IS in Syrien und im Irak ab und es entsteht der Eindruck, die Gruppe würde sogar noch stärker werden. Das steigert nicht nur die Fähigkeit des IS, weitere Terroristen zu rekrutieren und zu motivieren, sondern prägt auch zunehmend die Ansichten der Bürger in den Ländern der Koalition. So hofft der IS, dass sich die öffentliche Meinung in diesen Ländern, insbesondere aber in Europa, angesichts der wachsenden menschlichen und wirtschaftlichen Kosten des Kampfes gegen den IS vielleicht gegen ein militärisches Engagement im Irak und in Syrien wendet.

Aufgrund des wachsenden Drucks auf den IS – vor allem in der zweitgrößten irakischen Stadt Mossul und im syrischen Raqqa, der de-facto-Hauptstadt des selbsternannten Kalifats – werden sich die Aufrufe zu Anschlägen wohl intensivieren. In Anbetracht der – von San Bernardino bis Nizza -  weit verbreiteten Bereitschaft, diesen Aufrufen zu folgen, könnten die Folgen verheerend sein.

Freilich verlässt sich der IS nicht nur darauf, Unterstützer zu motivieren. Man rekrutiert auch fähige Kämpfer von beinahe überall – Tunesien, Marokko, Libyen, Jordanien, Türkei, Frankreich, Belgien und Großbritannien – um sie dann zur Durchführung spektakulärer Operationen wie in Istanbul, Brüssel oder Paris zu entsenden. Es bestehen glaubwürdige Berichte, wonach der IS sogar eine Außenstelle gründete, wo man terroristische Einsätze im Ausland plant.

Wenn Mossul und Raqqa im nächsten Jahr fallen – wie es wohl wahrscheinlich ist – werden tausende überlebende IS-Kämpfer in ihre Heimatländer zurückkehren und dort aller Wahrscheinlichkeit nach ihren Krieg mit Terroranschlägen weiterführen. Aus diesem Grund wird das kommende Jahr wohl ebenso blutig wie das letzte.

Wer wird nun die Hauptlast der Verzweiflung des IS zu tragen haben? Die USA stehen an oberster Stelle der IS-Feindesliste. Doch die Entsendung von Kämpfern aus dem Nahen Osten nach Amerika stellt eine logistische Herausforderung dar. Und im IS kämpfen auch nur etwa 100 Amerikaner, was dafür spricht, dass die zentrale Taktik des IS in den USA wohl darin besteht, seine Anhänger zu motivieren.  

Europäische und muslimische Länder sind da schon viel praktischere Ziele und das nicht nur in geographischer Hinsicht. Die meisten IS-Kämpfer stammen aus der arabischen Welt und 4.000 Männer und Frauen aus Europa haben sich der Gruppe angeschlossen.

Am stärksten gefährdet unter den europäischen Ländern ist Frankreich, das im Kampf gegen den IS eine Führungsrolle eingenommen hat. Mit 235 Todesopfern in den letzten 18 Monaten hat Frankreich hat bereits jetzt mehr Opfer zu beklagen als alle seine Nachbarn zusammengenommen.

Ein Grund dafür ist das Gefühl der Ausgeschlossenheit und Entfremdung eines großen Teils der französischen muslimischen Gemeinschaft, das dem IS die Rekrutierung in diesem Land erleichterte. Etwa 1.200 französische Staatsbürger haben sich dem IS als Kämpfer angeschlossen – weswegen diese das größte Kontingent an Menschen aus der westlichen Welt in der Organisation bilden. Berücksichtigt man obendrein noch die gravierenden Lücken im Bereich der Sicherheitsvorkehrungen in Frankreich, erscheint die Wahrscheinlichkeit weiterer Anschläge hoch.

Doch so sehr es dem IS daran auch gelegen sein mag, den Westen zu treffen, die Länder des Nahen Ostens – insbesondere die schiitischen Regime im Irak und Syrien plus dessen Verbündeter Iran – bleiben dennoch seine vorrangigen Ziele. Schließlich erfordern die Bestrebungen des IS zum Aufbau eines Kalifats die Kontrolle über Territorium. Der Kampf gegen Amerika, Europa und sogar Israel muss aufgeschoben werden, bis man einen sunnitischen islamischen Staat im Herzen Arabiens errichtet hat.

In Anbetracht dieser Tatsache ist es vor allem für die politischen Führungen des Westens von essenzieller Bedeutung, aufgrund der von den Terroranschlägen ausgehenden Sicherheitsbedrohungen nicht die Notwendigkeit der Zerschlagung des IS-Pseudostaates im Irak und in Syrien zu vergessen.  Aber selbst wenn diese Aufgabe erledigt ist, wird der IS immer noch seine Ideologie einsetzen, um Kämpfer für den Guerillakrieg im Irak und Syrien und für Terroranschläge in anderen Ländern zu ködern.  

Support Project Syndicate’s mission

Project Syndicate needs your help to provide readers everywhere equal access to the ideas and debates shaping their lives.

Learn more

Aus diesem Grund ist es ebenso notwendig, die soziale und ideologische Sauerstoffversorgung zu kappen, die den spektakulären Aufstieg des IS schürte. Das heißt, man muss sich der zerrütteten Politik im Nahen Osten zuwenden und zwar sowohl ihren Ursachen  (wie der geostrategischen Rivalität zwischen dem sunnitisch regierten Saudi Arabien und dem schiitisch dominierten Iran) als auch ihren Symptomen (wie den um sich greifenden Bürgerkriegen im arabischen Kernland). Erst dann wird es der arabisch-islamischen Welt und der internationalen Gemeinschaft gelingen, den IS und andere ähnliche Organisationen zu bezwingen.

Aus dem Englischen von Helga Klinger-Groier