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Die europäische Strategie des Islamischen Staates

LONDON – Die Terroranschläge durch Partner oder Sympathisanten des Islamischen Staates (IS) der letzten Jahre haben in Europa Alarm ausgelöst, aber laut der Global Terrorism Database noch nicht den Umfang der Anschläge erreicht, die Europa in den 1970ern erlitt. Während allerdings vorherige Wellen des Terrorismus in Europa aus internen Konflikten hervorgingen, hängt die heutige tödliche Welle mit der Instabilität außerhalb des Kontinents zusammen.

Die jüngsten Anschläge kommen aus dem politischen Vakuum, das die gestürzten Diktatoren im Nahen Osten oder in Nordafrika hinterlassen haben. Genau wie bei der Gewalt in Syrien, im Irak oder in Libyen, der extremen Polarisierung in Ägypten oder der empfindlichen Sicherheitslage in Tunesien und Algerien kein Ende in Sicht ist, gibt es wenig Gründe zu glauben, die Anschläge in Europa seien bald vorbei.

Erdogan

Whither Turkey?

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Verschlimmert wird die Lage noch dadurch, dass die Türkei nach dem blutigen Putschversuch – bei dem 270 Menschen getötet und 1.500 weitere verwundet wurden – als Ziel für den IS noch attraktiver wird. Der IS lebt von problembelasteten Staaten, wo er Rekruten gewinnen und Anschläge verüben kann – entweder durch die Gründung einer „offiziellen Provinz“ wie in Syrien, im Irak, in Libyen oder in Ägypten, oder durch die Unterstützung geheimer Zellen und kleiner Kampfeinheiten wie in Tunesien oder der Türkei.

Diese zwei Arten von Operationen – Aufstand und Terrorismus – gehen Hand in Hand. Verliert eine aufständische Organisation die Kontrolle über ein Gebiet oder Schlachtfeld, geht sie zum Terror über, da Anschläge auf „weichere“ zivile Ziele kostengünstiger, leichter und politisch genauso effektiv sind. Darum will der IS, auch wenn er im Irak, in Syrien und in Libyen Gebiete verliert, Europa direkt angreifen.

Mit diesem Weg verfolgt der IS mehrere Ziele: Er glaubt, Terroranschläge in Europa würden den Westen davon abhalten, islamistisch kontrollierte Gebiete anzugreifen, und er will die über 20.000 Mitglieder rächen, die er durch westliche Luftangriffe verloren hat. Darüber hinaus will er muslimfeindliche Gefühle stärken und dadurch die europäischen Muslime noch stärker vom Rest der europäischen Gesellschaft entfremden, was ihm Rekruten aus diesen Ländern in die Arme treibt. Auch zielt er darauf ab, unter den religiösen Gemeinden und Minderheitsgruppen Europas selbst Unfrieden zu säen (beispielsweise zwischen Sunniten und Schiiten oder Sunniten und Aleviten).

Die Ziele, die der IS mit seinem Terror verfolgt, sind nicht neu. Neu sind aber seine Möglichkeiten zum Verüben von Anschlägen. Trotz der heftigen Bombardierungen seit 2014 konnte er seine terroristischen Aktivitäten in Europa aufrecht erhalten, da er dabei einen relativ kleinen Anteil der über 5.000 Europäern hinter sich weiß, die an den Kämpfen in Syrien teilgenommen haben.

Die genaue Anzahl europäischer Kämpfer, die vom IS ausgebildet wurden und nach Hause zurückgekehrt sind, ist immer noch unbekannt. Abdelhamid Abaaoud, der Anführer der Terroranschläge von Paris im November 2015, behauptete, er sei einer von 90 vom IS ausgebildeten Terroristen in Europa. Angeblich erhielten 400-600 Kämpfer durch den IS eine Ausbildung für „externe Operationen“, zu denen die Bereiche städtischer Guerillakampf, improvisierte Sprengladungen, Überwachung, Kampf gegen Sicherheitskräfte und Fälschung gehören.

Frankreich und die Türkei wurden vom IS bislang am härtesten getroffen. Frankreich musste über 230 Tote und etwa 700 Verletzte beklagen, und die Türkei über 220 Tote und etwa 900 Verletzte. Tatsächlich stammt eine relativ hohe Anzahl ausländischer Militanter, die in den Irak oder nach Syrien gefahren sind, aus Frankreich oder der Türkei. Schätzungsweise 700 Franzosen und 500 Türken kämpfen dort unter der Flagge des IS.

Warum also konzentriert sich der IS mit seinen Angriffen auf Frankreich und die Türkei? Vorläufige Ergebnisse zweier Wissenschaftler verweisen auf negative Reaktionen auf die französische laïcité – die säkulare Tradition im öffentlichen und politischen Leben – unter desillusionierten jungen Sunni-Muslimen in französischsprachigen Ländern. Dadurch, so wird argumentiert, wird ihre Radikalisierung und ihre Rekrutierung durch Extremisten gefördert.

Aber es müssen weitere Faktoren untersucht werden. Beispielsweise hat sich Frankreich in diesem Jahrhundert um viele nahöstliche Probleme gekümmert. Das Land stellte sich 2003 gegen den Krieg im Irak; intervenierte militärisch gegen den libyschen Diktator und verhinderte im März 2011 ein mögliches Verbrechen gegen die Menschlichkeit; und es rettete 2013 in der muslimischen Mehrheitsgesellschaft von Mali eine empfindliche Demokratie. Während diese Maßnahmen in den meisten Ländern des Nahen Ostens positiv aufgenommen wurden, sah der IS mit seinen Unterstützern und Sympathisanten die Dinge anders.

Die Türkei ihrerseits ist seit langer Zeit ein attraktives Alternativmodell für andere Länder mit muslimischer Mehrheit. Vor den jüngsten Problemen schien die Demokratie dort (wenn auch nur stoßweise) auf Erfolgskurs zu sein, und in den vergangenen Jahren lag das Wirtschaftswachstum bei erstaunlichen 9%.. Angesichts seiner westlichen Ausrichtung überrascht es nicht, dass der IS einige Ausgaben seiner offiziellen Zeitung Dabiq dem Angriff auf das türkische Modell und den türkischen Präsidenten Recep Tayyip Erdoðan gewidmet hat. Ein Vorläufer des IS, der Islamische Staat im Irak, hat Berichten zufolge bereits im April 2012 fahrzeugbasierte Sprengstoffanschläge in der Türkei angeordnet.

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Die europäischen Demokratien müssen sich auf eine gemeinsame Strategie einigen, um sich gegen die vielfältigen Sicherheitsprobleme zu verteidigen. Zeichen der Uneinigkeit und Fragmentierung – ganz zu schweigen von blutigen Putschversuchen – spielen dem öffentlich erklärten Ziel des IS in die Hände, den „europäischen Zusammenhalt zu schwächen“.

Auch wenn Frankreich und die Türkei als Ziel des IS in vorderster Front stehen, sind sie doch nicht allein. Aber angesichts ihrer gemeinsamen Lage ist ihr bilaterales Verhältnis von besonderer Wichtigkeit, und die Diplomaten beider Länder müssen sich an die Arbeit machen und es verbessern. Jegliche weiteren Spannungen würden das Potenzial für strategische Zusammenarbeit nur untergraben. Es ist an der Zeit, gemeinsame Sache zu machen.