16

Islam gegen Islam

LAHORE – Weite Teile der muslimischen Welt sind von Unruhen erfasst. In Syrien hat ein brutaler Krieg bereits 250.000 Menschenleben gefordert, die Hälfte der 21 Millionen Einwohner des Landes vertrieben und eine Million Menschen auf der Suche nach Asyl in die Flucht nach Europa geschlagen. Im Jemen erhob sich das Volk der Huthi gegen die Regierung und ist nun mit Luftschlägen unter saudi-arabischer Führung konfrontiert. Konflikte wie diese sind Ausdruck einer Reihe von Faktoren, doch vorrangig geht es um die Auseinandersetzungen zwischen den Glaubensrichtungen der Sunniten und der Schiiten sowie zwischen Fundamentalisten und Reformisten.

Das alawitische Regime des syrischen Präsidenten Baschar al-Assad genießt die Unterstützung schiitischer Mächte, insbesondere des Iran, dessen regionaler Einfluss davon abhängt, dass ein schiitisches Regime im Amt bleibt. Und genau aus diesem Grund wollen sunnitische Mächte – allen voran Saudi-Arabien – dieses Regime auch stürzen. Die sunnitisch geführte Regierung des Jemen hingegen genießt den Beistand Saudi-Arabiens, weswegen auch die vom Iran gestützten schiitischen Hutis bombardiert werden. Wenig überraschend haben sich die Spannungen zwischen dem Iran und Saudi-Arabien in letzter Zeit verschärft. Ihren Höhepunkt erreichte diese  Entwicklung mit dem Abbruch der diplomatischen Beziehungen zwischen den beiden Ländern nach der Hinrichtung eines beliebten schiitischen Geistlichen durch Saudi-Arabien.

Das aufgrund dieser Konflikte geschürte Chaos – sowie die Instabilität in anderen Ländern der Region wie Afghanistan und dem Irak – ermöglichte den Aufstieg so mancher verabscheuungswürdiger Kräfte, beginnend mit dem Islamischen Staat (IS). Dieser hat bereits derart an Einfluss gewonnen, dass US-Generäle bei Präsident Barack Obama um die Genehmigung zusätzlicher Truppen im Kampf gegen die Organisation ansuchten. Überdies wird berichtet, dass die Vereinigten Staaten den Rückzug ihrer Truppen aus Afghanistan aufschieben könnten, wo ein zunehmend brutaler Krieg gegen die Regierung Territoriumsgewinne der Taliban ermöglichte und für den IS eine Basis für weitere Aktivitäten schuf. Außerdem ist der IS auch in Pakistan eingedrungen.

Das religiöse Element dieser heute im Nahen und Mittleren Osten wütenden Konflikte ist ein Hauptgrund, warum deren Entschärfung so schwierig ist. Die Spaltung zwischen Sunniten und Schiiten reicht zurück in das Jahr 632, als der Prophet Mohammed starb, ohne Angaben darüber zu hinterlassen, wie die rasch wachsende islamische Gemeinschaft seine Nachfolge zu regeln hätte. Diejenigen, aus denen sich die Gruppe der heutigen Schiiten entwickelte, waren der Ansicht, der Nachfolger müsste aus der unmittelbaren Familie kommen, weswegen ihre Wahl auf Ali ibn Abi Talib, dem Cousin und Schwiegersohn des Propheten fiel. Die Gruppe der heutigen Sunniten unterstützte die Wahl eines hochrangigen Mitglieds der Gemeinschaft: nämlich Abu Bakr, der Mohammed als enger Berater gedient hatte.