Ein neuer Washington-Konsens?

CAMBRIDGE – Vor zweieinhalb Jahren traten führende Mitarbeiter der Weltbank an Nobelpreisträger Michael Spence mit der Bitte heran, die Leitung einer hochrangig besetzten Kommission zu übernehmen, die sich mit Fragen der Wirtschaftsentwicklung befassen soll. Das Thema hätte bedeutender nicht sein können. Der „Washington-Konsens“ – jene berüchtigte Aufgabenliste für politische Entscheidungsträger in den Entwicklungsländern – hatte sich größtenteils aufgelöst. Aber was würde stattdessen kommen?  

Spence war sich nicht sicher, ob er der richtige Mann für diesen Job wäre. Schließlich hatte er sich in seiner Forschung auf theoretische Fragen in entwickelten Ökonomien konzentriert; er war Dekan einer wirtschaftswissenschaftlichen Fakultät; und er hatte keine große Erfahrung im Bereich Wirtschaftsentwicklung. Aber er war von der Aufgabe fasziniert und wurde von den begeisterten und positiven Reaktionen der zukünftigen Kommissionsmitglieder bestärkt. So kam es zur Bildung der von Michael Spence geleiteten Wachstums- und Entwicklungskommission, einer mit hervorragenden Experten besetzten Gruppe von Entscheidungsträgern, der ein weiterer Nobelpreisträger angehört und deren Schlussbericht Ende Mai veröffentlicht wurde.   

Der Spence-Bericht markiert einen Wendepunkt in der Entwicklungspolitik – und zwar ebenso sehr aufgrund dessen, was darin geschrieben steht, als auch aufgrund dessen, was ausgelassen wurde. Vorbei sind die Zeiten selbstbewusster Erklärungen über die Vorteile von Liberalisierung, Deregulierung, Privatisierung und freien Märkten. Ebenso vergessen sind jene 08/15-Empfehlungen, die keine kontextabhängigen Unterschiede kennen. Stattdessen verfolgt der Spence-Bericht einen Ansatz, der die Grenzen unseres Wissens anerkennt, Pragmatismus und Gradualismus in den Vordergrund stellt und die Regierungen zu experimenteller Arbeit ermuntert.

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