Ist die Psychiatrie in der Vergangenheit gefangen?

Schon seit ihrer Etablierung als eigenständige medizinische Disziplin ist die Psychiatrie im Schatten anderer medizinischer Fachbereiche gestanden. Sie konnte auch nie mit dem wissenschaftlichen Fortschritt in anderen Disziplinen wie Neurologie, Onkologie oder Kardiologie mithalten. In zahlreichen Industrieländern führte der Niedergang der Nervenheilanstalten dazu, dass psychiatrische Dienste enger an die oben genannten und andere medizinische Fachbereiche gekoppelt wurden. Klinisch durchaus im Mainstream, wissenschaftlich jedoch ein Außenseiter, bleibt die Psychiatrie weiterhin gewissermaßen ein Stück medizinischer Unterwelt.

Die Psychiatrie unterscheidet sich von anderen medizinischen Disziplinen durch das Fehlen einer objektiven Grundlage für die Diagnose. In anderen medizinischen Fachbereichen ist die Diagnosestellung schon so weit entwickelt, dass computergesteuerte Labortests die klinische Untersuchung des Patienten bereits ersetzt haben. In der Psychiatrie ist man jedoch weiterhin auf die Interpretation detaillierter Krankengeschichten angewiesen, welche man ausschließlich durch sorgfältige Untersuchung und direkte Befragung der Patienten erhält. Für die häufigsten psychischen Störungen wie Depressionen, Angstzustände und Schizophrenie gibt es keine universell anwendbaren Diagnosetests.

Selbstverständlich gibt es heute schon Computerprogramme, die Patientendaten verarbeiten und daraus eine psychiatrische Diagnose erstellen. Diese Programme arbeiten aber genau nach jenen Regeln, die auch ein oder mehrere Psychiater bei der Interpretation der Patientensymptome anwenden. Die Ergebnisse dieser Auswertung haben keine absolute Aussagekraft, obwohl sie zumindest in jedem Fall nach festgeschriebenen Richtlinien erstellt wurden, was bei Psychiatern nicht der Fall ist. Außerdem kann ein Fall unterschiedlich interpretiert werden und letztlich hilft nur die Konsultation eines erfahreneren Experten, nach dem Motto: ,,Ich bin länger im Geschäft und erfahrener, also ist meiner Diagnose Priorität einzuräumen.".

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