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Wird Öl zu einem gestrandeten Vermögenswert?

LONDON – Die gängige Meinung hinsichtlich des jüngsten Ölpreisverfalls lautet, dass es sich dabei um eine Neuauflage des Preisabsturzes der Jahre 1985-1986 handelt, als Saudi-Arabien im Rahmen seiner Auseinandersetzung mit anderen Mitgliedern des OPEC-Kartells die Ölförderung steigerte. Diesmal – so die allgemeine Auffassung – handelt Saudi-Arabien gleich und reagiert damit auf seinen Verlust an Marktanteilen aufgrund der Schieferöl-Produktion in den Vereinigten Staaten.

Allerdings besteht eine noch relevantere Parallele – mit bedeutenden Auswirkungen hinsichtlich des langfristigen Ölpreises. Der jüngste Preisverfall erinnert nämlich an eine ähnliche Talfahrt des Kohlepreises – der von einem kurzen Hoch von 140 Dollar pro Tonne im Jahr 2008 auf etwa 40 Dollar pro Tonne heute abstürzte. Das führte dazu, dass manche Lagerstätten „finanziell strandeten“, dass also die Kosten ihrer Entwicklung über den potenziellen Erträgen liegen.

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Diese rückläufige Entwicklung war die Folge langfristiger umweltpolitischer Maßnahmen, einschließlich Klimaschutz-Programmen, die die Nachfrage nach Kohle untergruben. Die Bemühungen zur Verbesserung der Luftqualität in China, Kohlenstoff- und Quecksilber-Emissionsstandards in den USA, billigeres Erdgas und steigende Investitionen in erneuerbare Energieträger ließen den Anteil der Kohle am Energiemarkt sinken.

Ein ähnlicher Mechanismus könnte nun am Ölmarkt in Gang kommen. Da der Druck auf die Regierungen zunimmt, Maßnahmen zur Bekämpfung des Klimawandels zu ergreifen, wird die Nachfrage nach fossilen Brennstoffen wahrscheinlich zurückgehen. Das könnte wiederum dazu führen, dass die Preise länger im Keller bleiben, als sich die Branche das vorstellt - womöglich sogar für immer.

Freilich weisen manche Kritiker – wie etwa der britische Ökonom Dieter Helm – die These zurück, wonach Vermögenswerte stranden können. Ihre Argumentation lautet: es ist unwahrscheinlich, dass eine Politik zur Eindämmung des Klimawandels Einfluss auf den Ölpreis hätte, weil es an ernsthaften internationalen Bemühungen zur Senkung der Emissionen fehlt, weil Ölmärkte zyklisch funktionieren, die Zeithorizonte der Anleger kurz sind und sich die meisten Vermögenswerte am Ölsektor in staatlichem Besitz befinden.

Diese Argumente sind leicht zu entkräften. Zunächst ist festzuhalten, dass sich die internationale Gemeinschaft in nächster Zeit zwar wohl nicht auf einen globalen Preismechanismus für Kohlenstoffemissionen einigen wird, aber andere Arten von Umweltschutzmaßnahmen hinsichtlich der Ölnachfrage bereits Wirkung zeigten.

Dabei handelt es sich um eine maßgebliche Entwicklung, da bereits geringe Verschiebungen bei Angebot oder Nachfrage zu umfangreichen Schwankungen des Ölpreises führen können. Der Preisrückgang von 120 Dollar pro Fass im Jahr 2014 auf unter 35 Dollar heute ist die Folge einer Veränderung des Angebot-Nachfrage-Gleichgewichts im Ausmaß von 2 Prozent (ungefähr 2 Millionen Fass pro Tag).  Darin spiegelt sich die Steigerung der saudi-arabischen Ölförderung um mehr als eine Million Fass pro Tag ebenso wider wie die von der Europäischen Union teilweise aufgrund der Bemühungen zur Senkung der Kohlendioxidemissionen verordneten Effizienzmaßnahmen, die zu einem vergleichbaren Rückgang der Nachfrage – um etwa 1,5 Prozent jährlich – beitragen. Mit ähnlichen Maßnahmen ist auch anderswo zu rechnen, da die Regierungen bemüht sind, die im Rahmen des Pariser Klimaschutzabkommens definierten Ziele zu erreichen.

Zweitens: Obwohl der Ölpreis eine zyklische Entwicklung aufweisen mag, werden strukturelle Veränderungen auf den Energiemärkten Preisanstiegen wohl entgegenwirken. Alternative Transporttechnologien wie Elektroautos, neuartige Batteriespeicher und Hybridlösungen verringern bereits jetzt die Notwendigkeit des Einsatzes von Öl.

Drittens: Obwohl viele Investoren innerhalb eines kurzen Zeithorizonts agieren, kann sich die Entwicklung von Ressourcen in der Ölindustrie leicht über mehr als ein Jahrzehnt erstrecken. Das heißt, „sichere“ Geldflüsse aus Vermögenswerten von heute könnten als Investitionen in die nächste Generation kostspieliger Vermögenswerte enden, die ein viel höheres Risiko aufweisen, zu stranden.

Schließlich ist der Umstand, dass sich viele Sachanlagen in der Ölbranche in staatlichem Eigentum befinden, kein Schutz für Investoren, die ihr Geld in börsengehandelte Vermögenswerte investieren. Regierungen halten aus strategischen Gründen vielleicht an nicht profitablen Vermögenswerten fest, aber Investoren, die Aktien teilprivatisierter staatlicher Unternehmen besitzen, tun das nicht. Überdies werden die ersten Opfer eines langfristigen Preisrückgangs Produzenten mit hohen Kosten sein, von denen es sich bei vielen um börsennotierte Unternehmen handelt, wodurch Anleger mehr – und nicht weniger – gefährdet sind.

Rohstoffmärkte erwiesen sich mehrfach als anfällig für die Erwartung fallender Preise. Angesichts des politischen Drucks, die Auswirkungen des Klimawandels zu lindern, werden kluge Anleger sehr genau nach Anhaltspunkten für eine Politik Ausschau halten, die zu einem Nachfragerückgang und der damit verbundenen Möglichkeit gestrandeter Vermögenswerte führt. 

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Es ist gefährlich anzunehmen, Vermögenswerte könnten nur langfristig stranden. Derartiges könnte Investoren in die gleiche Lage bringen wie die letzten Aktionäre von Peabody Energy, dem weltgrößten privaten Kohleunternehmen, das am Rande des Bankrotts taumelt. Die Tatsache, dass Peabody Energy noch in Betrieb und somit technisch nicht gestrandet ist, stellt für seine Eigentümer wohl nur einen schwachen Trost dar.

Aus dem Englischen von Helga Klinger-Groier