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Hemmt Ungleichheit das Wachstum?

CHICAGO – Um zu verstehen, wie wir eine dauerhafte Erholung von der großen Rezession erreichen können, müssen wir ihre Ursachen verstehen. Und um die Ursachen zu erkennen, müssen wir bei den Tatsachen anfangen.

Zwei Fakten sind besonders augenfällig. Erstens ist die Gesamtnachfrage nach Waren und Dienstleistungen in Europa und den Vereinigten Staaten viel schwächer, als sie es in den guten Jahren vor der Rezession war. Zweitens sind in den USA die meisten wirtschaftlichen Zuwächse der letzten Jahre an die Reichen geflossen, während die Mittelschicht, relativ gesehen, ins Hintertreffen geraten ist. Obwohl die Bedenken über inländische Einkommensunterschiede in Europa gedämpfter sind, werden sie durch die Angst vor einer Ungleichheit zwischen den Ländern noch verstärkt, zumal Deutschland nach vorne prescht, während die südliche Peripherie ins Stocken gerät.

Überzeugende Erklärungen der Krise weisen auf Zusammenhänge zwischen der aktuell lauen Nachfrage und den steigenden Einkommensunterschieden hin. Progressive Ökonomen argumentieren, dass in den USA die Schwächung der Gewerkschaften – zusammen mit einer Steuerpolitik zugunsten der Reichen – das Einkommenswachstum in der Mittelschicht verlangsamt habe, während traditionelle Transferprogramme beschnitten wurden. Als die Einkommen stagnierten, wurden die Privathaushalte dazu ermuntert, Kredite aufzunehmen, vor allem auf ihre Eigenheime, um den Verbrauch aufrechtzuerhalten.

Steigende Immobilienpreise gaben den Menschen die Illusion, dass ihre Kredite durch ein wachsendes Vermögen gesichert wären. Doch jetzt, wo die Hauspreise eingebrochen sind und überschuldete Haushalte keinen Kredit mehr bekommen, ist die Nachfrage stark gefallen. Der Schlüssel zum Aufschwung besteht demnach darin, die Reichen zu besteuern, die Transferleistungen zu erhöhen und die Einkommen der Arbeitnehmer wieder anzuheben, indem die Verhandlungsmacht der Gewerkschaften verbessert und die Mindestlöhne erhöht werden.