0

Ist Unwissenheit ein Segen?

Das Zeitalter des Renaissancemenschen ist lange vorbei. Heute glaubt niemand mehr, dass es für eine einzelne Person möglich wäre, das gesamte Wissensspektrum in allen Bereichen der Wissenschaft und Technologie vollständig zu erfassen. Alltägliche Computersoftware besteht aus Millionen Codezeilen. Die Mechanismen der Immunantwort von nur einer Lymphozytenart füllen tausende Seiten wissenschaftlicher Arbeiten. Das elegant unaufdringliche Design eines iPod birgt in seinem Inneren eine Technologie, die nur ein kleiner Prozentsatz seiner Anwender versteht.

Aber trotz der immensen Lückenhaftigkeit unseres Wissens deuten neue Forschungsergebnisse darauf hin, dass die meisten Menschen glauben, weit mehr zu wissen als dies tatsächlich der Fall ist. Wir geben zwar zu, nicht im Detail Bescheid zu wissen, wie ein Helikopter fliegt oder wie eine Druckpresse druckt, aber bei der Selbsteinschätzung unserer Unwissenheit sind wir nicht annähernd bescheiden genug.

Der einfachste Weg dies aufzuzeigen ist, Versuchspersonen die Vollständigkeit ihres Wissens auf einer siebenstufigen Skala beurteilen zu lassen. Bei jeder Frage steht "7" für perfektes Verständnis eines bestimmten Mechanismus, während "1" angibt, dass man davon fast keine Ahnung, nur eine vage Vorstellung hat. Die Versuchspersonen kreuzen nun freimütig und ehrlich, die ihrem vermuteten Kenntnisstand entsprechenden Zahlen bei Aufgabenstellungen an, die von komplexen Maschinen über biologische Systeme bis hin zu natürlichen Phänomenen wie die Gezeiten reichen. Allerdings kreuzen sie meistens höhere Werte an, als es ihrem tatsächlichen Wissen entsprechen würde.

Wir können die Diskrepanz zwischen dem, was wir glauben zu wissen und dem, was wir wirklich wissen messen, indem wir die Versuchspersonen nach der Selbstbeurteilung einfach bitten, uns möglichst detailgenau zu erklären, wie manche Dinge funktionieren. Anschließend müssen sie ihre Selbstbeurteilung im Lichte ihrer Erklärungsversuche noch einmal durchgehen.