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Ist „Gendoping“ verwerflich?

In den letzten Jahren sorgen sich das Internationale Olympische Komitee und andere Sportorganisationen um einen möglichen Missbrauch der Gentransfertechnologie. Doch die Sportwelt scheint fest dazu entschlossen, diese Technologie für die Jagd auf Goldmedaillen und Meistertitel zu nutzen, und Gentests sind vielleicht die Mode der Zukunft.

Zwei Mannschaften der Australian Football League haben angedeutet, dass sie zurzeit Tests prüfen, die die wahrscheinliche Größe, Ausdauer, Geschwindigkeit und Stärke eines Sportlers voraussagen würden. Für einige stellt „Gendoping“ derzeit tatsächlich den Heiligen Gral der Leistungsoptimierung dar, für andere bedeutet es das Ende des Sports, wie wir ihn kennen.

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Die Aussicht auf eine Zukunft mit genetisch veränderten Sportlern lässt in der ganzen Sportwelt die Alarmglocken schrillen, gleichzeitig werden solche Athleten als unmenschlich oder als eine Art Mutante hingestellt. Dabei wird falsch dargelegt, wie sowohl der therapeutische als auch der nichttherapeutische Gentransfer die Menschen verändern würde, sollte er jemals erlaubt werden. Doch ist die Befürchtung sehr real, dass skrupellose Wissenschaftler Sportler ausnutzen oder dass Sportler versuchen, an Gentransferexperimenten teilzunehmen, um einen nicht nachweisbaren Leistungsvorteil zu erhalten.

Die Welt-Anti-Doping-Agentur (WADA) hat Gendoping 2003 verboten, doch einige Wissenschaftler sagen voraus, dass es bei den Olympischen Spielen in Peking 2008 wahrscheinlich zu Missbrauch kommen wird. Genau in diesem Zusammenhang kam während der Olympischen Spiele 2004 in Athen die Debatte über Gendoping auf. Da bisher Moralpanik über den Zustand des Sports die Diskussion dominierte, wurden leider viele ethische Überlegungen und wichtige Fragen ausgeschlossen.

Richtlinien zum Gendoping sollten nicht allein auf den Interessen und Infrastrukturen der Sportorganisationen beruhen. Insbesondere müssen die Überwachungsausschüsse für Gentechnologie, die von den verschiedenen Nationen eingesetzt werden, von der Sportwelt mit ins Boot geholt werden. Ein einfaches Modell, das auf Verboten und dem Aufspüren genetischer Veränderungen durch Tests beruht, wird nicht ausreichen, vorausgesetzt, dass ein Nachweis überhaupt möglich ist.

Darüber hinaus müssen Ethikausschüsse auf die besonderen Umstände im Sport aufmerksam gemacht werden, welche die Wirksamkeit von weiter gefassten gesellschaftlichen Richtlinien zur Genmanipulation einschränken. Auch hier sollte nicht eine einzige weltweite Behörde für die Regulierung verantwortlich sein. Wie bei den Ethikdebatten zur Stammzellenforschung deutlich wurde, kann eine weltweite Richtlinie nicht einfach eingeführt oder durchgesetzt werden, noch sollte das geschehen.

Vor allem ist es im Sport nicht annehmbar, dass den Nationen, die an der Olympiade teilnehmen möchten, eine moralische Sichtweise der Rolle leistungssteigernder Technologien aufgezwungen wird, ohne dass ein umfassender und andauernder Beratungsprozess durchgeführt wird, der diese politische Entscheidung begleitet. Dabei kann es nicht darum gehen, dass Arbeitsgruppen gebildet werden, die lediglich ein Lippenbekenntnis zur Ethikdebatte ablegen, stattdessen müssen nichtsportliche Organisationen in die Lage versetzt werden, eigene Rahmenrichtlinien für die Regulierung von „Gendoping“ und die Verwendung genetischer Informationen allgemein zu entwickeln.

Es muss daher klar sein, dass die Richtlinien zum Gentransfer im Sport den weiter reichenden bio-ethischen und rechtlichen Interessen unterliegen, welche die sich wandelnde Rolle der Genetik in der Gesellschaft anerkennen. Die Rhetorik, die das „Gendoping“ umgibt, stützt sich stark auf den moralischen Status des „Gendopings“ als einer Form von Betrug. Doch beruht dieser Status auf bestehenden Antidopingvorschriften. Wenn wir den Gentransfer nicht von vornherein verbieten, handelt es sich in gewisser Weise nicht um Betrug.

In jedem Fall ist es moralisch bedenklich, genetisch veränderte Sportler als Mutanten oder unmenschlich hinzustellen, da so dieselbe Art von Voreingenommenheit erzeugt wird, die wir gegenüber anderen biologischen Merkmalen beklagen, insbesondere gegenüber Rasse, Geschlecht und Behinderungen. Schließlich sind viele, wenn nicht die meisten Spitzensportler „von Natur aus“ genetisch begabt. Diese Menschen als Mutanten zu bezeichnen, würde sicherlich auf allgemeine Kritik stoßen.

Wer befürchtet, dass Gendoping das „Ende des Sports“ einläutet, sollte stattdessen diesen Moment als eine Gelegenheit auffassen, kritische und schwierige Fragen über die Wirksamkeit und Gültigkeit von Antidopingtests zu stellen. Ist der Gesellschaft die Leistungsoptimierung im Sport nicht eigentlich egal?

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Dies mag nach einer radikalen Frage klingen. Doch ist der Fortschritt in ethischen Fragen auf den Konflikt zwischen Glaubenssätzen und Werten angewiesen. Viele Jahre lang haben Beobachter ihre Bedenken zur Dopingkultur im Spitzensport ausgedrückt. Dennoch ist die Antidopingkultur ebenso alarmierend, da sie ein dogmatisches Engagement verkörpert, das die Fähigkeit zur kritischen Diskussion darüber, was im Sport wirklich wichtig ist, einschränkt.

Wenn der Sport den Antidopingbehörden wirklich am Herzen liegt, haben sie die Verantwortung, die grundlegenden Werte, die ihrer Arbeit zugrunde liegen, aufs Neue zu untersuchen. Sie sollten mit der Vorstellung anfangen, was passieren würde, wenn das Kind eines genetisch veränderten Menschen Spitzensportler werden wollte. Vielleicht wären sie dann zumindest weniger geneigt, den Eltern die engstirnige moralische Position der Sportwelt aufzuerlegen.