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Die Stärkung der Hilfsorganisationen in Afrika

NAIROBI – Das Ausmaß des menschlichen Leidens in Somalia, einem afrikanischen Land, das momentan von einer schweren Dürre geplagt wird, ist fast unbeschreiblich. Es ist schwer, Worte zu finden, um die Zerstörung und das Elend im Land zu beschreiben, das sich inmitten einer längeren Periode rekordverdächtig geringer Niederschläge befindet. Ich habe ausgemergelte Viehherden gesehen, die leblos in den Sand sanken, und ich war vor Ort, als die Zukunft der Menschen vor ihren Augen zu Staub zerfiel.

Aber auch wenn Worte das Ausmaß der Krise nicht angemessen beschreiben können, können sie doch die Reaktion der Welt beeinflussen. Und daher sage ich unmissverständlich: Wenn die internationale Gemeinschaft ihre Politik der Entwicklungshilfe für Afrika nicht ändert, wird der Teufelkreis des Leidens weitergehen.

Die momentane Katastrophe in Somalia ist kein Einzelfall. Da Missernten und immer wieder aufkeimende Konflikte die Lebensmittelversorgung des Kontinents beeinträchtigen, stehen Millionen Afrikanerinnen und Afrikaner in über einem Dutzend Ländern vor ähnlichen Problemen. Manchen Schätzungen zufolge haben die ostafrikanischen Bauern in der ersten Hälfte dieses Jahres bis zu 60% ihrer Viehherden verloren – also über die Hälfte ihrer größten Einkommensquelle. Angesichts dieser überwältigenden Not bin ich traurig, aber meine Wut ist noch stärker.

Die ganze Welt sollte wütend sein. So viele stolze und würdevolle Menschen haben ihren Lebensunterhalt verloren und sind gezwungen, von einer einzigen kleinen Mahlzeit am Tag zu leben – wenn sie überhaupt etwas zu essen haben. Schlimmer noch ist, dass diese Tragödien hätten verhindert werden können, weil diese Krisen vorhersehbar waren.

Dürre und Hunger entwickeln sich langsam und hätten mit guter Planung und genügend Ressourcen abgewendet werden können. Aber immer wieder hat die Entwicklungshilfe in Afrika versagt, so wie in Somalia in den Jahren 2011 und 2012, im Niger 2005 und in Äthiopien in den 1980ern. Damals wie heute war die Lebensmittelknappheit bereits lange vor dem ersten Hunger absehbar. Aber die Warnungen hatten keine effektive globale Reaktion zur Folge.

Als Ärztin weiß ich, wie Hunger, Unterernährung, Cholera und andere durch Dürre verursachte Krankheiten die Afrikaner beeinträchtigen. Insbesondere kleine Kinder sowie schwangere und stillende Mütter sind betroffen. Die Auswirkungen des Hungers auf die körperliche und geistige Gesundheit können unumkehrbar sein und Menschen zu einem Leben in Armut verdammen. Bevor die nächste Krise zuschlägt, müssen wir diesen Teufelskreis durchbrechen, indem wir Wut in Tatkraft verwandeln.

Zunächst einmal müssen Ressourcen wie Lebensmittel und Gelder von der internationalen Gemeinschaft klüger organisiert und zugeordnet werden. Humanitäre Organisationen wie meine mussten immer mit begrenzten menschlichen und finanziellen Ressourcen auskommen, und immer wurde von uns erwartet, mit wenigen Mitteln viel zu erreichen. Aber ist es nicht an der Zeit, mehr mit mehr zu erreichen? Die Vereinten Nationen schätzen, dass Somalia, Nigeria, Jemen und Südsudan in diesem Jahr zusammen etwa 5,5 Milliarden Euro benötigen, um einer massiven Hungersnot zu entgehen. Bis jetzt ist die Hälfte des Jahres vergangen, und nur ein Drittel der Summe steht zur Verfügung.

Aber noch wichtiger ist, dass die internationalen Hilfsorganisationen neu überlegen, wie und mit wem sie kooperieren wollen. Der Schwerpunkt muss stärker darauf liegen, dauerhafte Lösungen zu finden, und dies bedeutet, enger mit den lokalen Partnern vor Ort zusammenzuarbeiten. Diese Idee ist nicht neu, aber sie hat sich noch nicht durchgesetzt.

Um die verletzlichsten und ärmsten Mitglieder der örtlichen Gemeinschaften zu erreichen, haben die lokalen Akteure die besten Möglichkeiten. Solche starken Partner können auch dann noch helfen, wenn sich die multinationalen Hilfsorganisationen schon längst wieder anderen Themen zugewendet haben. Dazu brauchen sie lediglich die nötigen Ressourcen und Fähigkeiten, um vor Ort die Führung zu übernehmen.

Leider fließt momentan nur ein Bruchteil der internationalen Hilfsgelder direkt an lokale Einrichtungen. Schlimmer noch ist, dass es nur wenig explizite Unterstützung dafür gibt, örtliche Organisationen größer und stärker werden zu lassen. Aufgrund dieser Defizite finden es die multinationalen Organisationen oft schwer, nach dem Stillen der dringendsten Bedürfnisse ihre Verantwortung weiterzugeben.

Werden die lokalen Ansprechpartner in ihrer Führungsrolle unterstützt, können sie außerordentliche Ergebnisse erzielen. In Somalia beispielsweise hat der somalische Rote Halbmond Dutzende mobile Gesundheitskliniken gegründet, die sich um einige der verletzlichsten Bevölkerungsgruppen des Landes kümmern. Der Rote Halbmond, der in instabilen und gewalttätigen Gebieten agiert, in die die staatlichen Gesundheitsprogramme oft nicht vordringen, konnte das Ausmaß der Unterernährung und der Choleranotfälle erheblich verringern.

Mehr noch: Wenn solche Notfälle dann abklingen, bleiben die örtlichen Kapazitäten bestehen. Dank der Finanzierung und der Ausbildung, die von meiner Organisation angeboten wird, kann der somalische Rote Halbmond dauerhaft für die Gesundheit von Müttern und Kindern arbeiten, Impfprogramme durchführen und andere Arten lokaler Gesundheitsfürsorge gewährleisten. Dies ist lediglich ein Beispiel für den positiven Einfluss, den die lokalen humanitären Einrichtungen haben können, wenn es ihnen nur möglich gemacht wird.

Das globale Paradigma der Entwicklungshilfe zu verändern wird nicht leicht sein. Veränderungen dieses Ausmaßes sind niemals leicht. Aber die Alternative – ein endloser Kreislauf von Hunger, Krankheit und vermeidbaren Todesfällen – ist inakzeptabel. Das Leiden Afrikas hat viele sprachlos werden lassen. Deshalb müssen unsere Taten lauter sprechen als unsere Worte.

Aus dem Englischen von Harald Eckhoff