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Silicon Valley oder Nachfrageförderung?

BELLEVUE, WASHINGTON – Jeder möchte wissen, wie das nächste Silicon Valley entstehen könnte: eine Innovationsdrehscheibe, die Talente und Kapital anzieht sowie Arbeitsplätze, Unternehmen und neue Industrien schafft. Die Regierungen der Industriestaaten strampeln sich ab, Technologien zu subventionieren, die das nächste „große Ding“ werden könnten. Politiker der Schwellenländer hoffen, Anreize wie Steuererleichterungen oder Gratisgrundstücke würden Erneuerer dazu bewegen, sich dort anzusiedeln und Wohlstand zu bringen. Aber die meisten dieser gut gemeinten Programme vernachlässigen einen entscheidenden Punkt: die Nachfrage.

Die gemeinsame Kraft hinter allen Hochtechnologiezentren und wichtigen Erfindungen war die Nachfrage nach Innovationen in bestimmten technischen Bereichen. Technologische Durchbrüche wie Antibiotika oder Automobile waren eine Antwort auf ein zwingendes Bedürfnis einer großen Anzahl von Konsumenten. Regierungsprojekte wie das Apollo-Programm der Vereinigten Staaten – um einen Mann zum Mond zu schicken – trieben die Nachfrage nach grundlegenderen Technologien an (nach Erfindungen, nach denen bisher niemand gefragt hatte).

Aleppo

A World Besieged

From Aleppo and North Korea to the European Commission and the Federal Reserve, the global order’s fracture points continue to deepen. Nina Khrushcheva, Stephen Roach, Nasser Saidi, and others assess the most important risks.

Silicon Valley selbst war ein Ergebnis von Nachfrage. Das US-Verteidigungsministerium schloss Verträge in zweistelliger Milliardenhöhe über Mikroelektronik ab, was das Risiko der Innovatoren verringerte und zu einer Infrastruktur führte, die das Wachstum junger Unternehmen förderte.

Aber Nachfrage ist nicht immer gleich, und es ist aufschlussreich, einen Blick auf die Unterschiede zu werfen.

Konsumenten- oder Marktnachfrage – die Art von Nachfrage, an die wir meist denken, wenn wir das Wort hören – ist viel weniger vorhersagbar und daher riskanter als staatliche Nachfrage von der Art, die den Mann zum Mond brachte. Unternehmen, die ausschließlich von der kommerziellen Beliebtheit ihrer Güter abhängen, können nur begrenzt Innovationen risikofrei einführen, da sie das Scheitern eines ihrer Produkte auf dem Markt möglicherweise nicht überleben, um ein neues bauen zu können. Dies trifft besonders auf junge und kleine Unternehmen zu – genau die Akteure, von denen alle hoffen, dass sie bei der nächsten Welle von Silicon Valleys mit dabei sind.

Glücklicherweise können Regierungen durch die Förderung langfristiger und gezielter Initiativen eine besser vorhersagbare Nachfrage schaffen. Das Apollo-Programm bot Innovatoren klar umrissene Ziele und einen Plan dafür, sie zu erreichen: Schickt zunächst Tiere in eine Umlaufbahn, dann Menschen, sendet dann Sonden zum Mond, und zum Schluss Menschen.

Auch war es wichtig, dass die Regierung nicht nur den letztlichen Erfolg belohnte, sondern auch das Erreichen von Zwischenzielen. Ein Affe im Weltraum mag keine besonders aufregende Tatsache sein, aber die Regierung gab Geld dafür, also geschah es. Kluge Regierungen schaffen nicht nur für die Lösung eine garantierte Nachfrage, sondern auch für die Schritte dorthin.

Die Verbindung technischer Meilensteinzahlungen mit garantierten Anreizen ermöglicht es Unternehmen, Probleme anzugehen, deren Lösung zehn Jahre oder länger dauern kann. Auch motiviert dies Innovatoren vieler Bereiche, sich komplexer Probleme anzunehmen, die unterschiedliche Arten von Erfindungen erfordern. Die Mikroelektronik-Initiative des US-Verteidigungsministeriums benötigte nicht nur neue Materialien und Schaltkreise, sondern auch neue Herstellungsmethoden. Aufgrund der Belohnungsstruktur mussten diese nicht getrennt voneinander erfolgen, sondern konnten koordiniert werden.

Im Gegensatz zu marktgetriebener Nachfrage, die nur allzu oft dazu führt, dass der Gewinner sämtliche Profite erhält, sorgt staatsgetriebene Nachfrage für eine Umgebung, in der mehrere Lösungen technischer Probleme nebeneinander existieren und sich günstig beeinflussen. Die Pioniere der Mikroelektronik testeten unterschiedliche Strategien, Vakuumröhren zu ersetzen, und entwickelten eine Vielzahl von Halbleitern und Chipstrukturen: aus Germanium, Silizium, Aluminium, Galliumarsenid, Strukturen wie PNP, NPN, CMOS und so weiter. Einige dieser Forschungsergebnisse wurden nie praktisch angewendet, aber andere fanden ihren Weg in spezialisierte Geräte. Die Vielzahl der Optionen ermöglichte eine weite Anwendung und bahnte den Weg für die digitale Revolution.

Wie am Mikroelektronik-Programm ersichtlich ist, muss die Regierung ihre Anreize nicht den ganzen Weg bis hin zum kommerziellen Erfolg setzen. Ab einem gewissen Punkt können die Unternehmen Produkte verkaufen, und dann kann die Marktnachfrage die Führung übernehmen. 1962 war das US-Verteidigungsministerium der einzige Kunde für integrierte Schaltkreise, aber am Ende des Jahrzehnts kauften die Konsumenten Transistorradios und Taschenrechner in großen Mengen.

Ebenso darf die staatlich geförderte Nachfrage nicht die Form von Subventionen bestimmter Technologien oder Unternehmen annehmen. Keinesfalls sollte die Regierung Geld der Steuerzahler für bestimmte Unternehmungen verspielen. Dieses Risiko zu tragen, ist die Aufgabe von Wagniskapitalfirmen und anderer Finanzunternehmen, und nicht die der Regierungsbeamten. Aber eine gut erledigte Aufgabe zu belohnen, ist wenig riskant: Sollte das Problem nicht gelöst werden, gibt es keine Bezahlung.

Und diese Zahlungen sind gegenüber den Forschungs- und Entwicklungsbemühungen, die sie auslösen, relativ gering. Ein Programm, das 1-5 Milliarden USD an Zahlungen in Verträgen oder Entwicklungsverpflichtungen umfasst, kann in der Forschung und Entwicklung des privaten Sektors ein Vielfaches dieses Wertes erzielen. Innovatoren und ihre Investoren sind bereit, diese Gelegenheiten intensiv zu nutzen, da sie wissen, dass die möglichen Belohnungen durch eine globale Kundenbasis die ursprüngliche Investition weit übersteigen. Dies macht staatlich geförderte Nachfrage zu einem sehr effizienten Mechanismus zur Innovationsförderung.

Aufgrund des Multiplikationseffekts können kleine Regierungen und Staaten oder gar große Städte erfolgreich die Art von Nachfrage fördern, die zur Entstehung von Innovationszentren der Weltklasse führt. Einige skandinavische Länder, chinesische Provinzen oder der Stadtstaat Singapur wären beispielsweise ideal dafür positioniert, diesen Ansatz auszuprobieren.

Vor einigen Jahren rechnete ich aus, wie viele Einheiten eines Produkts verkauft werden müssen, damit dafür eine Technologie entwickelt werden kann. Diese Zahl ist tatsächlich ziemlich bescheiden: Wenn man zwischen 100.000 und einer Million Einheiten eines durchschlagenden Produkts umsetzen kann, kann man die technologischen Standards für diese Kategorie entwickeln und mit der Zeit zum Weltmarktführer einer neuen Industrie werden. Durch Regierungsunterstützung wird sichergestellt, dass das Produkt von einer gewissen Anzahl von Menschen angenommen wird. Zu Anfang müssen dies nicht allzu viele sein.

Die wirtschaftlichen Planer und Politiker, die hinter den Schlusslichtern von Silicon Valley herlaufen, lernen gerade, dass sie die dort blühenden Unternehmenskulturen und Finanzierungsmechanismen nicht immer nachbauen können. Aber sie haben vergessen, wie alles begann: mit garantierter Nachfrage, die auch die ehrgeizigsten Arten von Innovation stimuliert.

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Die Lektion ist einfach: Versucht nicht, ein weiteres Silicon Valley zu bauen. Baut statt dessen an der Nachfrage, und die Innovatoren werden kommen.

Aus dem Englischen von Harald Eckhoff