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Indiens Vorstoß auf die Hauptbühne der Weltwirtschaft

CAMBRIDGE: Vor zwanzig Jahren beendete China eine selbst auferlegte jahrzehntelange ökonomische Isolation und veränderte das Aussehen der Weltwirtschaft. Der andere Bevölkerungsgigant der Welt, Indien, begann mit seinen Wirtschaftsreformen ein Jahrzehnt später. Indiens Reformen waren sanfter, die Folgen zunächst weniger dramatisch, aber nach fast einem Jahrzehnt steht auch Indien vor einem historischen Durchbruch. In der ersten Dekade des 21. Jahrhunderts könnte sich Indiens durchschnittliches Pro-Kopf-Einkommen durchaus verdoppeln und seine weltwirtschaftliche Bedeutung könnte dramatisch ansteigen.

Mit einer Milliarde Menschen - einem Sechstel der gesamten Menschheit -, verteilt auf einem vielgestaltigen Subkontinent, zu dem der Himalaya, Wüsten, fruchtbare Flußtäler und große Küstenstädten gehören, entzieht sich Indien einer Verallgemeinerung. Es handelt sich um ein Land, dessen wirtschaftliche Arena sich von der Informationstechnologie - zu der Indien mit einigen der weltbesten Ingenieure und Programmierer beiträgt - bis zu einer verwahrlosten Landwirtschaft erstreckt. Aber trotz eines solchen Facettenreichtums sind einige grundlegende Tendenzen auszumachen.

• Seit dem Beginn marktorientierter Reformen zu Beginn der 90er Jahre hat Indien seinem wirtschaftlichen Wachstum nachgeholfen. Nach Jahrzehnten mit jährlichen Wachstumsraten um 3,5% - von denen 2% oder mehr vom Bevölkerungswachstum aufgefressen wurden - erfreut sich Indien jetzt eines jährlichen Wirtschaftswachstums von 6%, von denen das Bevölkerungswachstum weniger als 2% ausmacht. Mit weiteren Reformen könnte das Wachstum 9% pro Jahr erreichen, was jedes Jahr eine Erhöhung des Pro-Kopf-Einkommens um ungefähr 7% bewirken würde, was für eine Verdoppelung des Pro-Kopf-Einkommens innerhalb eines Jahrzehnts ausreicht.

• Als Indien vor einem halben Jahrhundert unabhängig wurde, verpaßte Premierminister Jawaharlal Nehru Indien eine sanfte, demokratische Version von Sozialismus. Der Staat sollte das ökonomische Oberkommando durch Planung, umfassende öffentliche Investitionen und den Besitz von Schlüsselindustrien haben. Wie überall, wo Sozialismus ausprobiert wurde, wurde damit eine Finanzkrise des Staates und langsames Wachstum verordnet. Die Lösung kam 1991, im gleichen Jahr, als der sowjetische Sozialismus zusammenbrach. In jenem Jahr begann Indien, die staatliche Planung abzubauen, einen offenen internationalen Handel in Betracht zu ziehen und den Wettbewerb innerhalb der privaten Industrie zu fördern. Seitdem hat Indiens internationaler Handel rapide zugenommen, und das allgemeine Wirtschaftswachstum ist wieder auf die Beine gekommen. Der ostasiatischen Finanzkrise von 1997-99 entging Indien vollständig.