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Indiens neue herrschende Kaste

CAMBRIDGE, MASS.: Die größten Wahlen der indischen Geschichte – mehr als 700 Millionen Wähler waren beteiligt – sind mit einem Sieg des herrschenden Parteienbündnisses, angeführt vom Indischen Nationalkongress des indischen Ministerpräsidenten Manmohan Singh, zu Ende gegangen. Damit sind düstere Prognosen über ungeklärte Machtverhältnisse im Parlament und die anhaltende Stärkung der regionalen Parteien widerlegt. Die neue Regierung wird sehr viel stabiler sein als viele ihrer Vorgängerinnen, und das Wahlergebnis hat daher große Erleichterung ausgelöst.

Tatsache aber bleibt, dass die neue Regierung, wie viele ihrer Vorgängerinnen, überwiegend aus für ein Ministeramt ungeeigneten Politikern bestehen wird. Während mehrere Provinzsatrapen aufs rechte Maß zurückgestutzt wurden, haben aufstrebende neue erhebliche Unterstützung auf sich vereinen können. Trotz des offenkundigen Erfolges der indischen Demokratie schafft es ihr Parlamentssystem nicht, dem Land eine gute Regierungsführung zu verschaffen.

Nun ist Indien offensichtlich kein „failed state“ (gescheiterter Staat). Lant Pritchett von der Harvard Kennedy School hat einen neuen Begriff für das Land geprägt: Es sei ein „flailing state“ (unkontrolliert rotierender Staat) – ein Staat, in dem die äußerst kompetenten oberen Ränge der Regierung nicht in der Lage seien, die ineffizienten niederen Chargen zu kontrollieren, was zu einer schwachen Leistung führe.

Doch diese Analyse zollt jenen Anerkennung, die keine verdient haben: Indiens Problem ist der Kompetenzmangel seiner obersten politischen Führung. Die Unfähigkeit des gegenwärtigen politischen Systems, für eine effektive Regierung zu sorgen, ordnet das Land einer anderen Kategorie zu: jenen Staaten, die ihren Aufgaben nicht gerecht werden.