0

Auf Vampirsuche

Der historische Dracula

Ein Vampir ist im Volksglauben des osteuropäischen Raumes ein blutsaugender, aus dem Grab wieder auferstandener Verstorbener. Dracula kennen wir als Vampir aus Transsylvanien, der nachts als fledermausartige Person mit seinen langen Eckzähnen anderen Menschen in den Hals beisst und ihr Blut aussaugt, das er als Lebenssaft benötigt. Tagsüber liegt er in einem Sarg. Man bekämpft ihn mit Knoblauch, Kreuz und Pfahl. Das historische Vorbild der Draculafigur war allerdings kein Vampir.

Erdogan

Whither Turkey?

Sinan Ülgen engages the views of Carl Bildt, Dani Rodrik, Marietje Schaake, and others on the future of one of the world’s most strategically important countries in the aftermath of July’s failed coup.

Vlad Tepes, 1431 geboren, herrschte seit 1448 – mit Unterbrechungen – als Woiwode, als Fürst der Walachei, dem südlichen Teil Rumäniens. Er stand im Spannungsfeld zwischen dem Osmanischen Reich, dem ungarischen König Matthias Corvinus sowie den sächsischen Städten Siebenbürgens. Obwohl Vlad Tepes wichtige Siege über die osmanischen Truppen errang, ließ ihn der ungarische König gefangen nehmen. Später wurde er 1477 im erneuten Kampf gegen Einheiten des Osmanischen Reiches ermordet.

Vlad hatte von seinem Vater den Beinamen „Draculea“ – abgeleitet von „Drachen“ – erhalten oder, nach anderer Schreibweise, „Dragolea“, „der Liebe“, „der Liebliche“. Nach 1550 ist der Beiname „Tepes“ überliefert, „der Pfähler“: Vlad hatte die Gewohnheit, Menschen, die ihm nicht genehm waren, auf Pfählen aufspießen zu lassen. Berichte über diese grausame Tötungsmethode waren schon seit seinen Lebzeiten im Umlauf, ohne dass wir herausfinden können, was er wirklich anordnete. Das Pfählen war in jener Zeit keineswegs ungewöhnlich. Draculas Grausamkeit wurde mit hoher Wahrscheinlichkeit deshalb besonders blutrünstig dargestellt, weil der ungarische König seinen Konkurrenten ausschalten wollte. Die Propagandakampagne hatte Erfolg. Vlad schied aus dem politischen Kräftefeld aus. Die Bilder des pfählenden, blutdürstigen Fürsten sollten sich aber festsetzen, dienten dazu, die Sensationslust des Publikums zu befriedigen.

Diese Bilder wurden durch Vorgänge neu belebt, die man mit Vlad in Verbindung brachte. So galt seit dem 16. Jahrhundert Zar Ivan IV. „der Schreckliche“ vor allem im Westen gewissermaßen als „russischer Dracula“ und trug damit zu den westlichen Vorstellungen von Osteuropa bei. Die Geschichte der ungarisch-siebenbürgischen Gräfin Elisabeth Báthory, die um die Wende zum 17. Jahrhundert zahlreiche junge Mädchen grauenhaft zu Tode gequält und in deren Blut gebadet hatte, ging mit ihrem Glauben an die heilende und rituelle Wirkung des Blutes ebenfalls in den gesellschaftlichen Erinnerungsbestand ein, in das von vielen geteilte Wissen, und konnte je nach Bedarf abgerufen werden.

Vampire im Volksglauben des 18. Jahrhunderts und die Aufklärung

Im 18. Jahrhundert traten weitere Elemente hinzu. Fälle tatsächlichen Vampirglaubens erschütterten die europäische Öffentlichkeit. In den Mythen, Sagen und Legenden zahlreicher Völker hat es immer Vorstellungen des Vampirismus gegeben. Nach Osteuropa, wo wir fast ausschließlich Mitteilungen über blutsaugende oder –trinkende Vampire finden, gelangten derartige Ideen möglicherweise über die Griechen oder auch über naturreligiöse Glaubensinhalte, dass Tote unter bestimmten Bedingungen aus dem jenseitigen Reich wieder erscheinen können. Meist handelt es sich um Außenseiter und Einzelgänger, „böse Menschen“, „Hexen“, die eines unnatürlichen Todes gestorben oder über deren Leiche unreine Tiere gesprungen sind. Oft kehren sie zu ihren Angehörigen zurück und trinken deren Blut. Wehren kann man sich vor allem mit dem Kreuz, und vernichtet werden die Vampire durch Pfählen, Köpfen oder Verbrennen des Körpers; hin und wieder muss das Herz gesondert zerstört werden. Während früher solche Vorfälle nur begrenzte Aufmerksamkeit auf sich zogen, änderte sich dies im 18. Jahrhundert.

1732 gingen durch ganz Europa Nachrichten, in einem serbischen Dorf habe ein Verstorbener als Vampir nachts andere Personen umgebracht. Er wurde ausgegraben, und man stellte fest, dass er nicht verwest war. Ein Pfahl wurde ihm durch das Herz getrieben und sein Körper verbrannt. Andere Tote fand man im ähnlichen Zustand. Plötzlich erinnerte man sich vergleichbarer Vorfälle in der jüngsten Vergangenheit andernorts. Eine regelrechte Vampir-Literatur, mit vielen Spekulationen, entfaltete sich, überwiegend unter Gelehrten. Auch der Zusammenhang zwischen Vampiren und Fledermäusen wurde nun mit wissenschaftlicher Autorität anscheinend zum erstenmal hergestellt; ansonsten traten Vampire eher als Schmetterlinge oder Raben auf.

1755 verbot Kaiserin Maria Theresia den Vampirglauben – ebenso wie andere Formen des „Aberglaubens“ - und ordnete eine gründliche Überprüfung an. Dabei konnten mögliche natürliche Gründe für die ungewöhnlichen Ereignisse festgestellt werden, ebenso die eigentlichen Todesursachen. Dies führte zu der Vermutung, dass die angeblichen Vampiropfer die wiederkehrenden Untoten im Delirium gesehen hatten. Hier zeigte sich die Wirkung der Aufklärung. Die aufgeklärt-absolutistische Monarchie beanspruchte, alle Lebensbereiche unter Kontrolle zu haben, also auch den Volksglauben, der für so starke Unruhe sorgte. Die Entwicklung der Wissenschaften erlaubte es inzwischen, den „Aberglauben“ zu entlarven und das Unerklärliche zu erklären. Die katholische Kirche nutzte die Gelegenheit, um die „eigensinnige“ Volksfrömmigkeit zurückzudrängen. Der Vampirglaube entweihe die Vorstellungen vom Abendmahl, von der Auferstehung Jesu wie überhaupt von der Auferstehung der Toten. Zugleich konnte gegen die orthodoxe Kirche argumentiert werden, die durch ihre Lehre, der unverweste Körper könne nicht in den Himmel eingehen, wohl aber vom Teufel erweckt werden, den Vampirglauben theologisch stützte. Wer an Vampire glaubte, wurde als abergläubisch und ungebildet verdammt. Die Disziplinierungsabsicht ist unverkennbar. In einer Zeit, in der sich im Westen das Bild Osteuropas zu verfestigen begann, wird aber ebenso der „westeuropäische Blick“ spürbar, die „wilden Osteuropäer“ mit ihren abenteuerlichen Vorstellungen zu „zivilisieren“. Wenn diese trotzdem bei ihrem Glauben blieben, kann das als Wunsch gedeutet werden, sich etwas Eigenes, nicht zuletzt auch autonome Handlungsspielräume gegen die Strategien der Mächtigen in Staat und Kirche zu bewahren.

In der Folge jener aufklärerischen Enthüllungen des Vampirglaubens übertrugen Aufklärer, namentlich Voltaire, das Bild des blutsaugenden Vampirs auf bestimmte Menschengruppen: Spekulanten, Kaufleute, Könige, Mönche. Von hier aus zieht sich eine Linie zu jenen Vorstellungen, die den Kapitalisten, den Juden, das Weib – den Vamp -, den Politiker – Stalin etwa – als Vampir bezeichnen. Doch es gab auch die Gegenreaktion: den Okkultismus. Hier suchte man immer wieder neue unerklärbare Erscheinungen. Eine Anzahl Mediziner behauptete im übrigen zunächst durchaus, Vampire existierten tatsächlich. Enge Zusammenhänge zur zeitgenössischen Debatte über Magnetismus und Mesmerismus sowie über Hysterie werden sichtbar. Das Irrationale, die Sehnsüchte, Ängste, geheimen Wünsche konnten nicht einfach verdrängt werden.

Der Vampir-Mythos

Der Vampir-Mythos mit seinen vielfältigen Komponenten konnte sich nun verdichten und in den Erinnerungsspeicher von immer mehr Menschen einziehen. Anders als in den osteuropäischen Literaturen wurden die ersten Vampir-Geschichten im Westen, die seit 1820 zu einer regelrechten Welle anwuchsen, unmittelbar durch die Debatte im 18. Jahrhundert angeregt. Als Muster schälte sich heraus, Personen, denen grausame, mit Blut verbundene Eigenschaften zugeschrieben wurden, in Vampire umzuwandeln. Zu den „geglaubten“ traten nun die „gemachten“ Vampire.

Die Übertragung des Motivs auf den historischen Vlad Tepes geschah dann mit dem bis heute berühmtesten Vampir-Roman: Bram Stokers „Dracula“ von 1897. Der Autor hatte sich intensiv mit dem Vampir-Mythos befasst. Angeregt durch die Lektüre von historischen Büchern und Reisebeschreibungen, vielleicht auch durch Hinweise des ungarischen Orientalisten Ármin Vámbéry, entschied er sich, die Hauptperson seines Romans nach Vlad Tepes „Dracula“ zu benennen, ihn in Osteuropa – wenngleich geographisch nicht ganz korrekt – anzusiedeln und ihn, wiederum historisch falsch, als blutsaugenden Untoten vorzustellen. Er verknüpfte die verschiedenen Linien der historischen Schreckenspersonen und des Volksglaubens und griff dazu einen Strang auf, der in der Aufklärung spürbar geworden war und sich im 19. Jahrhundert weiter ausgebildet hatte: die Konstruktion Osteuropas als rückständig, ungebildet, grausam. Westeuropa mit England an der Spitze erscheint hingegen als Zentrum aufgeklärten Wissens. Da Stoker dem Osteuropabild vieler Menschen entgegenkam, wirkte sein Buch glaubhaft. Dies unterstützte den Gruseleffekt. Bis heute ist die Wirkung einer Verbindung mit dem „düsteren Osteuropa“ ungebrochen.

Vampire in Osteuropa heute

Support Project Syndicate’s mission

Project Syndicate needs your help to provide readers everywhere equal access to the ideas and debates shaping their lives.

Learn more

Die Analyse des Erinnerungsprozesses von Vlad Tepes bis zum Vampir-Mythos des Dracula hat gezeigt, wie diese Überlieferung zur wirkungsmächtigen Konstruktion eines Osteuropabildes beigetragen hat. Der Glaube an Vampire in osteuropäischen Gesellschaften, der nach wie vor hier und da besteht, hat ebenfalls mit der Geschichte zu tun. Die Menschen suchten sich für sie unerklärbare Erscheinungen fassbar zu machen, indem sie an Traditionen des Totenkultes und der Jenseits-Vorstellungen anknüpften. So wurden diese Überzeugungen von Generation zu Generation weitererzählt. Heute können sie immer noch wichtige Funktionen erfüllen: Außenseiterinnen und Außenseiter im Dorf lassen sich damit brandmarken; unerklärbare Vorgänge werden verständlich; Annahmen vom Sterben und vom Leben nach dem Tod konkretisieren sich; im Kampf gegen Vampire vereint sich die gesamte lokale Gesellschaft; nicht zuletzt bewahrt sie sich ein Element des „Eigensinns“ gegen die „Fremden“, die sie kontrollieren wollen. Erinnerung hat hier sehr viel mit Identität und Welterklärung zu tun.

Den Glauben an Vampire sollten wir ernst nehmen. Wenn uns beim Gedanken an Dracula und die Vampire ein Schauer über den Rücken läuft, dann erfüllt jener Mythos auch bei uns seine Funktionen: als Projektionsobjekt für Ängste und Unsicherheiten, sexuelle Wünsche, Schuldzuweisungen, Sehnsüchten nach Auflösung des Gesellschaftsgefüges. Unsere Bilder von Dracula und den Vampiren hängen aber auch ganz eng mit Konstruktionen von Osteuropa zusammen. Wenn wir diese Verbindung kritisch reflektieren, können wir nicht nur eine neue Vorstellung von Osteuropa erhalten, sondern uns darüber hinaus über jene Projektionen bewusst werden.