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Warum Europa?

PRINCETON – Wozu brauchen wir Europa? Die Gefahr eines explosiven Auseinanderbrechens der Eurozone, und damit der Europäischen Union, geht zurück. Doch das verwirrende Ergebnis der jüngsten italienischen Parlamentswahl – wo im Senat eine Partei dominiert, die mit einem Anti-EU-Programm Wahlkampf gemacht hat, und es in der Abgeordnetenkammer eine proeuropäische Mehrheit gibt – hat die grundlegende Debatte über Sinn und Zweck der europäischen Integration wiederbelebt.

Die Europäer tun sich momentan schwer, das Unterfangen, an dem sie während der letzten sechs Jahrzehnte gearbeitet haben, in positiver Weise zu beschreiben. Eine gängige Interpretation ist, dass die Integration dafür sorgt, dass es den Leuten besser geht. Die Einheit soll eine Grundlage für Wohlstand sein. Der Binnenmarkt wurde anfangs unter Verweis auf die Vorteile verteidigt, die aus dem vermehrten Handel folgen würden. Die Argumente für die Integration des Kapitalmarktes und für die gemeinsame Währung lauteten ähnlich.

All dies erinnert an einige schlagkräftige Argumente, die im 19. Jahrhundert im Hinblick auf die nationale Integration und Einigung gebracht wurden. Insbesondere die beiden Länder, deren Probleme einen Großteil der europäischen Integration des 20. Jahrhunderts vorantrieben – Deutschland und Italien – waren durch starke kulturelle und politische Vielfalt gekennzeichnet. In beiden Ländern machte der romantische Nationalismus des frühen 19. Jahrhunderts nach den gescheiterten Revolutionen von 1848 einer nüchternen Obsession in Bezug auf wirtschaftliche Kräfte Platz.

Der einflussreiche deutsche Journalist Ludwig von Rochau, von dem der Begriff Realpolitik stammt, beschrieb die neue deutsche Stimmung am Vorabend des letzten Bismarck’schen Einigungskrieges. Die deutsche Einheit war keine Herzensangelegenheit, sondern eine banale geschäftliche Transaktion, bei der niemand verlieren, aber jeder für sich selbst möglichst viel herausschlagen sollte.