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Der zurückgeforderte Imperialismus

LONDON – Die Geschichte erlaubt keine endgültigen Urteile. Der grundlegende Wandel von Ereignissen und Machtstrukturen führt zu wechselnden Diskussionsthemen und neuen Interpretationen.

Vor fünfzig Jahren, am Höhepunkt der Dekolonialisierung, hatte niemand ein gutes Wort für den Imperialismus übrig. Sowohl Ex-Imperialisten als auch diejenigen, die ihre Unabhängigkeit erlangten, hielten ihn eindeutig für ein Übel. Schulkinder lernten über die Schrecken des Kolonialismus und die damit verbundene Ausbeutung unterdrückter Völker. Kaum jemand, wenn überhaupt, sprach von den Vorteilen des Imperialismus.

In den 1980er Jahren wurde das Geschichtsverständnis revisionistischer. Grund dafür war nicht nur eine Verklärung der Vergangenheit. Unter US-Präsident Ronald Reagan und der britischen Premierministerin Margaret Thatcher erlangte der Westen – darunter hauptsächlich der anglo-amerikanische Teil – etwas von seinem Stolz und Mut zurück. Außerdem wurde das Versagen, die Gewalt und die Korruption der postkolonialen Regimes, insbesondere in Afrika, immer offensichtlicher.

Der entscheidende Auslöser für die Revisionisten war aber der Zusammenbruch des Sowjetreiches, der nicht nur die USA als einziges globales Alpha-Tier zurückließ, sondern auch, philosophisch betrachtet, die westliche Zivilisation und ihre Werte als allen anderen Zivilisationen und Werten überlegen erscheinen ließ. Mit der Aufnahme vieler ehemals kommunistischer Staaten in die Europäische Union wurde der Westen für kurze Zeit zur Verkörperung der universellen Vernunft, verpflichtet und willens, seine Werte in die noch geistig umnachteten Teile der Welt hinaus zu tragen. Dieses Gefühl von Triumph und historischer Verpflichtung kam in Das Ende der Geschichte von Francis Fukuyama zum Ausdruck.