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Die Supermächte der Migration

LONDON – Wir sind in das Zeitalter der Migration eingetreten. Würden alle Menschen, die außerhalb ihres Geburtslandes leben, einen eigenen Staat bilden – eine Republik der Entwurzelten – wäre dieser mit einer Bevölkerungszahl von über 240 Millionen Menschen das fünftgrößte Land der Welt. 

Obwohl viel darüber geschrieben wurde, wie Migrationsströme die Politik auf nationaler Ebene verändern, schenkte man den geopolitischen Auswirkungen dieser Entwicklung wenig Beachtung. Doch aufgrund dieser Massenbewegungen der Menschen entstehen bereits drei Arten von Migrationssupermächten: die neuen Kolonialisten, die Integratoren und die Vermittler.

Die neuen Kolonialisten erinnern an die Siedler aus Europa, die im 18. und 19. Jahrhundert in alle Teile der Welt aufbrachen und davon nicht nur persönlich profitierten, sondern auch ihren Heimatländern Nutzen brachten. In ähnlicher Weise verhelfen auch die meisten Auswanderungswilligen des 21. Jahrhunderts ihren Herkunftsländern zu Marktzugang, Technologie und einer politischen Stimme in der Welt.

Der amerikanische Journalist Howard W. French beschreibt, wie Afrika zu „Chinas zweitem Kontinent” wurde, nachdem mehr als eine Million neue chinesische Siedler Afrika südlich der Sahara erneuern. Mittlerweile leben mehr Chinesen außerhalb Festlandchinas als Franzosen in Frankreich und ähnliche Geschichten spielen sich auf fast allen Kontinenten ab. Bei der Rückkehr dieser Migranten nach China, macht man sich deren Fähigkeiten dort ausgiebig zunutze. In China sind sie als „Meeresschildkröten“ bekannt und sie beherrschen die Technologiebranche ihres Landes.