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Falsche Frühlingsgefühle bei den Frühjahrstagungen?

WASHINGTON, DC – Mit derselben Verlässlichkeit, mit der die Schwalben nach San Juan Capistrano schwärmen, versammeln sich in jedem Frühjahr Bürokraten aus aller Welt in Washington, D.C. zu den Jahrestagungen des Internationalen Währungsfonds und der Weltbank, wo sie Informationen über ihre lokalen Volkswirtschaften und voraussichtlichen politischen Strategien austauschen. Und weil sie dabei im Laufe der Woche an einer Vielzahl von Veranstaltungen teilnehmen, entwickelt sich ein Hallraum, der eine allgemeine Wahrnehmung über den Zustand der Weltwirtschaft hervorbringt. Diese Wahrnehmung beeinflusst dann überall auf der Welt die politischen Entscheidungen.

Diesmal war die Stimmung positiv. Laut Mitarbeitern des IWF soll, wie dessen World Economic Outlook zu entnehmen ist, das reale BIP in den hochentwickelten Volkswirtschaften in diesem und im nächsten Jahr um rund 2% steigen. Dies würde die Arbeitslosenquote unter 6% ziehen, was sich nicht allzu sehr von ihrem Niveau vor der Finanzkrise von 2008 unterscheidet. Deflation oder unerwünschte Desinflation werden jetzt nur noch im Rückspiegel wahrgenommen, und die Verbraucherpreisinflation stabilisiert sich derzeit bei etwa 2%, dem Zielwert der meisten wichtigen Notenbanken.

Doch wie jeder Bewohner Neu-Englands weiß, bringen Aprilschauer nicht immer Maiblumen hervor; manchmal bringen sie lediglich weitere, kältere Regenfälle. Und auch wenn wir den Tagungsteilnehmern nicht die gute Laune verderben möchten, fürchten wir doch, dass sie die Stabilisierung der Wirtschaftslage überbewerten. Blickt man über die reinen Zahlen hinaus, gibt es wenig Hinweise, dass die grundlegenden Probleme behoben sind.

Es wäre nicht das erste Mal. Die Zeit nach 1945 weist zwei frühere „verlorene Jahrzehnte“ auf, in denen Volkswirtschaften – darunter rund ein Dutzend Länder in Lateinamerika in den Jahren 1982 bis 1992 und Japan zwischen 1992 und 2007 –, die sich schwer taten, sich von schweren Finanzkrisen zu erholen, hinter ihrem eigenen Trendwachstum und dem vergleichbarer Länder zurückblieben.

So düster diese Geschichte scheint: Das jährliche reale BIP-Wachstum pro Kopf war in Lateinamerika und Japan in 60% bzw. 75% dieser Jahre positiv. Tatsächlich erhöhte sich das reale BIP pro Kopf in mindestens einem Viertel dieser Jahre um mehr als 2%. Das heißt, diese Länder erhaschten einen Blick auf Sonnenstrahlen durch einen im Rückblick betrachtet überwiegend wolkenverhangenen Himmel.

Die Beschleunigung der Wirtschaftsaktivität mag auf offizieller Seite Hoffnungen befeuern, doch auch das Niveau ist wichtig. In Europa war das reale BIP-Wachstum im Durchschnitt seit der Finanzkrise nur knapp positiv, und sein Niveau lag 2016 etwa 20% unter dem anhand des Trends der zehn Jahre bis 2007 zu erwartenden Wert. Dies ist die langsamste Erholung von einer schweren Finanzkrise in zweihundert Jahren. Zudem verbirgt die Zusammenführung der Daten eine Vielzahl von Problemen: Griechenland und Italien etwa werden das Niveau beim realen BIP pro Kopf, das sie vor der Krise aufwiesen, innerhalb des Prognosezeitraums des World Economic Outlook, der sich bis 2022 erstreckt, nicht erreichen.

decline in real gdp

Zwar ist der Gegenwind bei den Ausgaben im Gefolge einer Krise u. a. aufgrund seiner Hartnäckigkeit ein wichtiges Wachstumshemmnis. Doch ist für die Wirtschaftsentwicklung in diesem Zeitraum die stagnierende potenzielle Zunahme bei der Produktionsleistung zentral. Laut IWF hat sich in den hochentwickelten Volkswirtschaften der Anstieg des realen potenziellen BIP (man denke sich diesen als den grundlegenden Trend der Gesamtnachfrage) im bisherigen Verlauf dieses Jahrhunderts von 2,71% im Jahr 2001 auf 1,28% vor ein paar Jahren halbiert. Noch düsterer sieht es in den USA aus, wo laut Angaben des Congressional Budget Office die Schwingungsbreite doppelt so groß ist: von rund 4% auf 1,5%. Doch ist das Phänomen allen G7-Volkswirtschaften gemein, weil ihre alternden Bevölkerungen langsamer wachsen, aus dem Arbeitsmarkt aussteigen und pro zusätzlicher Arbeitsstunde kaum zusätzlichen Arbeitsertrag hinzufügen.

Ob die Produktivität bzw. Produktionsleistung pro Stunde weiter derart schwach bleibt, ist schwer vorherzusagen. Doch Daten sind Daten, und sie zeigen recht deutlich, dass das Produktivitätswachstum seit einiger Zeit lahmt.

Die Zunahme der potenziellen Produktionsleistung ist keine bloße Abstraktion der Ökonomen. Wenn sich, wie es derzeit der Fall zu sein scheint, die Einkommensentwicklung verschlechtert, werden wir in der Zukunft weniger Ressourcen zur Verfügung haben, um unsere Bedürfnisse zu erfüllen. In dem Umfang, in dem wir bisher in Erwartung höherer Einkünfte konsumiert und Kredite aufgenommen haben, droht eine böse Überraschung.

Mit Sicherheit besteht in den hochentwickelten Volkswirtschaften Raum für Enttäuschung, bedenkt man, dass die allgemeine Brutto-Staatsverschuldung bei rund 106% vom nominalen BIP liegt und sich die Haushaltsdefizite über den Prognosehorizont hinaus erstrecken. Und die Haushaltsmathematik wird sich, wenn die Notenbanken ihre Geldpolitik normalisieren, künftig nur schwieriger gestalten. Dies gilt selbst dann, wenn die Zinssätze ihr Niveau vor der Krise nicht wieder komplett erreichen. In Volkswirtschaften, die in jüngster Zeit fiskalpolitische Zurückhaltung geübt haben, darunter Australien, Kanada und Neuseeland, hat sich der private Sektor stark verschuldet. In Notzeiten werden aus Fehlern des privaten Sektors häufig öffentliche Verpflichtungen.

Die Maschinerie der repräsentativen Regierungsform funktioniert am besten, wenn sie zur Aufteilung eines wachsenden wirtschaftlichen Kuchens genutzt wird. Als etwa die US-Wirtschaft ein Trendwachstum von 4% erlebte, konnte man erwarten, dass sich das reale BIP innerhalb von 18 Jahren verdoppeln würde, was Eltern bezüglich der wirtschaftlichen Zukunft ihrer Kinder beruhigte. Beim gegenwärtigen Trend von 1,5% Wachstum verlängert sich der Zeitpunkt bis zur Verdoppelung des BIP auf 48 Jahre, was die wirtschaftlichen Aussichten der Enkel düster erscheinen lässt. Es stellt sich die Frage, ob die gewählten Regierungsvertreter unter diesen Umständen die schwierigen Entscheidungen treffen werden, die erforderlich sind, um den Schritt von einer wirtschaftlichen Stabilisierung zu einer nachhaltigen Erholung zu bewältigen.