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Der Internationale Währungsfond am Scheideweg

WASHINGTON, DC: Ich habe keine persönliche Meinung über die Tugenden von Caio Koch-Weiser, dem deutschen Kandidaten für das Amt des Vorsitzenden des Internationalen Währungsfond (IMF). Allerdings muß die Aufregung um die Nachfolge von Michel Camdessus endlich aufhören. Stanley Fischer, ein brillianter und erfahrener Wirtschaftler, wird den Fond in der Zwischenzeit sicher mit Erfolg leiten. Der amtierende Leiter einer Organisation hat aber kein Mandat, um bei Änderungen mitzustimmen. So ist Fischer zwar fähig, aber nicht befähigt.

Das ist ziemlich ungünstig, weil eine bestimmte Konstellation von Faktoren den IMF momentan an einen Scheideweg stellen, an dem kreatives Führungspersonal dringend gebraucht wird. UnzähligeVorschläge für Änderungen der Mission und Handlungsweise des IMF liegen in der Luft, unter denen sich auch der Vorschlag vom Schatzminister der USA, Lawrence Summers, befindet. Und das amerikanische Schatzministerium ist bekannt dafür, sein Gewicht geltend zu machen!

Eine Erneuerung der Führung einer Organisation gibt ihr gleichzeitig die natürliche Möglichkeit, gründlich aufzuräumen und grundlegende Fragen zu stellen. Institutionelle Trägheit, schon immer eine machtvolle Stärke des IMF gewesen, befindet sich momentan auf einem konjunkturbedingten niedrigen Niveau. Zudem wird der IMF zur Zeit nicht von internationalen finanziellen Krisen in Anspruch genommen. So kann man sich also die Zeit nehmen, über langwierige Streitpunkte zu nachzudenken. Was sind solche Streitpunkte? Ich gebe eine Liste:

1. Finanzielle Überlebenshilfe: Wie oft, unter welchen Bedingungen und für wie lange sollte der IMF finanzielle Beihilfe für notleidene Nationen geben? Diese präkeren Streitfragen sind der Teil von Summer's Vorschlag, der am meisten Aufmerksamkeit hervorruft. Seine Antworten sind zusammengefaßt: weniger oft, nur in Notfällen oder Krisen, die ein systemisches Risiko darstellen, und für eine relativ kurze Zeit sollte der IMF Hilfe gewähren.