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Leben in Freiheit und Gleichheit

MADRID – In dem Vierteljahrhundert seit der Veröffentlichung des ersten Berichts über die menschliche Entwicklung hat die Welt große Fortschritte bei der Bekämpfung von Armut und der Verbesserung von Gesundheit, Bildung und Lebensbedingungen Hunderter Millionen Menschen gemacht. Aber so beeindruckend diese Erfolge auch sind, sie wurden nicht gerecht verteilt. Sowohl innerhalb der Länder selber als auch zwischen ihnen gibt es noch große Ungleichheiten.

Nehmen wir zum Beispiel die Kindersterblichkeit. In Island sterben zwei Kinder von 1000 vor ihrem ersten Geburtstag. In Mosambik liegt diese Zahl bei 120. In Bolivien ist die Wahrscheinlichkeit, dass ein Baby stirbt, wenn die Mutter keine Schulbildung hat, zweimal so hoch wie die bei Babys, deren Mütter mindestens eine Sekundarschulbildung haben. Und diese Ungleichheiten ziehen sich durch das gesamte Leben einer Person. Ein fünfjähriges Kind, das in Zentralamerika in einem Haushalt mit niedrigem Einkommen lebt, ist durchschnittlich sechs Zentimeter kleiner als ein Kind in einem Haushalt mit höherem Einkommen.

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Ungleichheiten dieser Art haben sich aus verschiedenen Gründen verfestigt. Dazu gehören sowohl „vertikale” Ungleichheiten, wie eine verzerrte Einkommensverteilung, als auch „horizontale Ungleichheiten”, wie diejenigen, die innerhalb von Gruppen aufgrund von Faktoren wie Hautfarbe, Geschlecht und ethnischer Zugehörigkeit bestehen oder auch Ungleichheiten zwischen Gemeinschaften zum Beispiel aufgrund von Wohnsegregation.

Viele Menschen sind zudem verschiedenen gleichzeitigen Formen der Diskriminierung ausgesetzt. Das Maß der Exklusion, an der sie leiden, ist das Ergebnis der Interaktion verschiedener Formen der Diskriminierung. Eine Kombination von vertikalen und horizontalen Ungleichheiten kann zu extremer Exklusion und Marginalisierung führen, die wiederum Armut und Ungleichheit über die Generationen vertiefen.

Glücklicherweise wird sich die Welt der schädlichen Folgen von Ungleichheit für Demokratie, Wirtschaftswachstum, Frieden, Gerechtigkeit und menschliche Entwicklung immer mehr bewusst. Es ist auch klar geworden, dass die Ungleichheit die soziale Kohäsion aushöhlt und das Risiko von Gewalt und Instabilität erhöht. Schließlich sind Wirtschaftspolitik und Sozialpolitik zwei Seiten derselben Medaille.

Abgesehen von dem moralischen Argument für die Reduzierung der Ungleichheit gibt es auch ein wirtschaftliches. Wenn die Ungleichheiten weiter wachsen, ist mehr Wachstum notwendig, um die extreme Armut zu bekämpfen, als wenn die wirtschaftlichen Gewinne gerechter verteilt werden.

Ein hohes Maß an Ungleichheit fördert auch die Bildung von Eliten, die ihre Interessen verteidigen, indem sie Reformen zur gerechten Verteilung der Ressourcen blockieren. Das Problem mit der Ungerechtigkeit ist nicht nur, dass sie das Verfolgen von gemeinschaftlichen Zielen und des Allgemeinwohls behindern, sondern auch, dass sie strukturelle Hindernisse für die Entwicklung errichten, zum Beispiel durch eine unzureichende oder regressive Besteuerung und eine fehlende Investition in Bildung, Gesundheit und Infrastruktur.

Wachstum allein garantiert noch keinen gleichberechtigten Zugang zu öffentlichen Gütern und hochwertigen Dienstleistungen, dafür sind gezielte politische Maßnahmen erforderlich. Die jüngere Geschichte in Lateinamerika, der Region der Welt mit dem höchsten Maß an Ungleichheit, ist ein gutes Beispiel dafür, was mit der richtigen Politik erreicht werden kann. Die Region hat in der ersten Dekade dieses Jahrhunderts außergewöhnliche Fortschritte bei der Inklusion gemacht. Verantwortlich dafür ist eine Kombination aus Wirtschaftsdynamik und anhaltender politischer Verpflichtung, gegen Armut und Ungleichheit als miteinander verknüpften Problemen zu kämpfen.

Dank dieser Anstrengungen ist Lateinamerika die einzige Region der Welt, die es geschafft hat, Armut und Ungleichheit zu reduzieren und dabei wirtschaftlich weiter zu wachsen. Mehr als 80 Millionen Menschen sind in die Mittelschicht aufgestiegen, die zum ersten Mal die Armen als größte Bevölkerungsgruppe überholt hat.

Natürlich könnte man auch sagen, dass dafür auch günstige externe Bedingungen verantwortlich waren, wie hohe Rohstoffpreise, die das Wirtschaftswachstum begünstigt haben. Das LAC Equity Lab der Weltbank konnte jedoch bestätigen, dass Wachstum die sozialen Errungenschaften Lateinamerikas nur teilweise erklären kann, der Rest geht auf das Konto der Umverteilung über Sozialleistungen.

Und mehr noch, es war eine progressive Politik, die dem Wirtschaftswachstum selbst zugrunde lag: eine neue Generation besser ausgebildeter Fachkräfte trat in den Arbeitsmarkt ein, verdiente mehr und machte sich die Vorteile der Sozialleistungen zunutze. Der größte Lohnzuwachs erfolgte in den niedrigsten Einkommensklassen.

Jetzt, da sich das Wirtschaftswachstum in Lateinamerika verlangsamt hat, werden diese Errungenschaften auf die Probe gestellt. Der fiskalische Spielraum der Regierungen ist geschrumpft, und der Privatsektor kann nicht mehr so viele Jobs schaffen wie zuvor. Bemühungen, Armut und Ungleichheit zu reduzieren, laufen Gefahr, zu versanden, schlimmstenfalls können sogar hart erkämpfte Erfolge zurückgenommen werden. Die Politiker der Region müssen hart arbeiten, um den Fortschritt dieser langfristigen menschlichen Entwicklung zu bewahren.

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Die Bedeutung des Kampfes gegen Ungleichheit ergibt sich aus den Idealen der Französischen Revolution, aus den Worten der US-Unabhängigkeitserklärung und aus den Nachhaltigen Entwicklungszielen der UN. Diese Anstrengungen liegen an der Wurzel einer Welt, die nicht nur fair ist, sondern auch friedlich, wohlhabend und nachhaltig. Wenn, wie es in der Allgemeinen Erklärung der Menschenrechte steht, „alle Menschen frei und gleich an Würde und Rechten geboren sind”, sollten wir es schaffen weiterhin in diesem Sinne zu leben.

Aus dem Englischen von Eva Göllner.