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Argumente für Indien

NEU-DELHI – Indische Kricket-Fans werden manisch-depressiv, wenn es um ihre Lieblingsteams geht. Sie erheben die Spieler auf einen gottgleichen Rang, wenn ihre Mannschaft gut abschneidet, und ignorieren dabei offensichtliche Schwächen. Doch wenn sie verliert, wie jede Mannschaft es manchmal tut, ist der Fall ebenso steil und jede Schwäche wird analysiert. Tatsächlich ist die Mannschaft niemals so gut, wie die Fans sie erscheinen lassen, wenn sie gewinnt, noch ist sie jemals so schlecht, wie sie dargestellt wird, wenn sie verliert. Ihre Schwächen zeigten sich auch bei den Siegen, sie wurden jedoch übersehen.

Ein solches bipolares Verhalten scheint auf die Bewertungen der indischen Wirtschaft ebenso zuzutreffen. Dabei schwanken ausländische Analysten gemeinsam mit den Indern zwischen extremem Überschwang und Selbstzerfleischung. Vor ein paar Jahren wurde Indien alles nachgesehen. Kommentatoren sprachen von „Chindia“, womit sie Indiens Leistung der seines nördlichen Nachbarn gleichsetzten. Heute dagegen wird Indien nichts nachgesehen.

Indien hat tatsächlich schwerwiegende Probleme. Das jährliche BIP-Wachstum hat sich im letzten Quartal erheblich verlangsamt, auf 4,4 %. Die Verbraucherpreisinflation ist hoch, und das Leistungsbilanz- sowie das Haushaltsdefizit waren im letzten Jahr zu groß. Jeder Kommentator betont derzeit Indiens schlechte Infrastruktur, seine Überregulierung, den kleinen Produktionssektor und die Tatsache, dass den Arbeitskräften entsprechende Bildung und Fertigkeiten fehlen.

Das sind echte Defizite, gegen die etwas unternommen werden muss, wenn Indien stark und stabil wachsen soll. Doch existierten dieselben Defizite, als Indien ein schnelles Wachstum verzeichnete. Um zu erkennen, was jetzt notwendig ist, müssen wir verstehen, was die indische Erfolgsgeschichte gedämpft hat.