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Hungrig nach Wissenschaft

AMSTERDAM – Im Mekong-Delta erwirtschaften Bauern in der Trockenzeit sechs bis sieben Tonnen Reis pro Hektar und in der Regenzeit vier bis fünf Tonnen, indem sie schnell reifende Reissorten verwenden, die bis zu drei aufeinander folgende Ernten im Jahr ermöglichen. Westafrikanische Reisbauern dagegen ernten nur etwa 1,5 Tonnen pro Hektar traditionellen Hochlandreises im Jahr, und andere Getreidesorten erbringen nicht mehr als eine Tonne – eine Menge, die vergleichbar mit der im mittelalterlichen Europa ist.

Solche Disparitäten müssen nicht sein. Tatsächlich hat die Verbreitung landwirtschaftlicher Technologien – von effizienteren Maschinen bis hin zu robusteren oder ertragreicheren Pflanzensorten – das Potenzial, die Produktivitätslücke entscheidend zu verkleinern, und dies sogar dann, wenn die Unterschiede bezüglich Klima und Produzenten gleich bleiben.

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Beispielsweise sorgt eine neue Art von afrikanischem Hochlandreis, Nerica, für eine Verdreifachung der jährlichen Erträge. Ebenso haben verbesserte Aufzuchtmethoden, qualitativ hochwertigeres Futter und bessere tierärztliche Versorgung dazu geführt, das die weltweite Milchproduktion sich mehr als verdoppelt hat. Trotzdem bleiben die regionalen Unterschiede hoch: Kühe in der Niederlanden können jährlich etwa 9.000 Liter Milch erzeugen, während Zebus in den Tropen nur etwa 300 Liter schaffen.

Die Notwendigkeit, die landwirtschaftliche Produktion zu erhöhen, wird täglich dringender. Die Weltbevölkerung wird im Jahr 2050 voraussichtlich neun Milliarden Menschen umfassen, und die Menschen in den Entwicklungsländern – wo fast das gesamte Bevölkerungswachstum stattfindet – bemühen sich um abwechslungsreichere Ernährung. Bis 2030 könnte sich die Nachfrage nach tierischen Produkten verdoppeln und die gesamte Lebensmittelnachfrage um 40% erhöhen.

Die Wissenschaft kann zur weltweiten Ernährungssicherheit viel beitragen. Zwar ist genetische Veränderung zur Ernährung der Menschheit nicht dringend erforderlich, aber sie bietet deutliche Vorteile, indem sie Wissenschaftlern die Einführung oder Verstärkung von Eigenschaften – beispielsweise Virusresistenz bei Maniok oder verbesserte Verdaulichkeit von Futtermitteln – ermöglicht, die durch konventionelle Zucht nicht erreicht werden können.

Sicherlich ist die Verbesserung der Erträge nicht gleichbedeutend mit der Ernährung der Welt. Wenn sich ein Großteil der Bevölkerung die produzierte Nahrung nicht leisten kann, ist die Höhe der Erträge irrelevant. Zwar wurden in den letzten zwanzig Jahren über eine Milliarde Menschen von der Armut befreit (die von der Weltbank als Einkommen unter einem Kaufkraftäquivalent von 1,25 US-Dollar per Tag definiert wird), aber für die nächste Milliarde wird dieser Fortschritt schwieriger werden.

Angesichts dessen sollten die Politiker ihre Bemühungen zur Armutsreduzierung verdoppeln, indem sie für nachhaltiges und gerechtes Wirtschaftswachstum sorgen. Sie müssen sich dazu verpflichten, gutes landwirtschaftliches Management zu fördern, gut funktionierende Märkte zu sichern und die Investitionen in die Landwirtschaft zu erhöhen. Aber auch wenn diese Ziele dringend sind, sollten sie den Fokus nicht von der Steigerung der Erträge ablenken – eine Steigerung, die in den letzten Jahrzehnten für drei Viertel der Erhöhung der Lebensmittelproduktion verantwortlich war.

Glücklicherweise scheinen die bedeutendsten möglichen Einschränkungsfaktoren – Land, Wasser und Nährstoffe – in absehbarer Zukunft die globale Produktion nicht übermäßig zu beeinträchtigen. Aber wenn es auch weltweit gesehen an keinem dieser Faktoren mangelt, könnten doch lokale Engpässe auftreten.

Obwohl die Anbaufläche pro Kopf weiterhin zurückgehen wird, ist weltweit mehr Ackerland verfügbar, als bislang angenommen wurde. Das Beispiel der Nutzung des brasilianischen cerrado, der früher für nutzlos gehalten wurde, kann leicht auf die afrikanischen Savannen übertragen werden. Auch anderswo in Südamerika, Zentralasien und Osteuropa gibt es wenig genutzte Landflächen.

Eine dringendere Herausforderung besteht in der ausreichenden Wasserversorgung der Pflanzen, was den Bau und den Betrieb effizienter Bewässerungssysteme erfordert, um die Erträge zu stabilisieren und den Bauern eine zusätzliche Ernte im Jahr zu ermöglichen. Bislang wird nur 4% des Ackerlandes in den afrikanischen Ländern südlich der Sahara bewässert, verglichen mit 38% in Asien. Während der Nahe Osten vor einer ernsten Wasserknappheit steht, sind in Afrika, wo der größte Teil des Bevölkerungswachstums stattfinden wird, viele unerschlossene Wasserquellen vorhanden.

Die Verwendung von Dünger ist in den letzten Jahren viel effizienter geworden, ein Trend, der weiter anhalten wird. Die Reserven von Mineralien wie Phosphor werden in den nächsten Jahrzehnten üppig bleiben, und Stickstoff ist unbegrenzt vorhanden. Bereits heute gibt es Technologien, um Nährstoffe aus Abfall zu gewinnen, was die Abhängigkeit vom Abbau in Minen verringert. Darüber hinaus sind Schweine und Geflügel ideale Verwerter von Essensabfällen, und ihre Ausscheidungen können als Nährstoff- und Energiequellen dienen, was zukünftige Nahrungskreisläufe in miteinander verbundene Produktionskreisläufe verwandeln kann.

Das vielleicht drängendste Hindernis für die Agrarproduktion ist der bevorstehende Arbeitskräftemangel, da junge Menschen, aus denen die landwirtschaftliche Arbeiterschaft traditionell besteht, in die Städte strömen. Da Kleinbauern keine ausreichenden Überschüsse erzielen können, wird sich die landwirtschaftliche Produktion immer stärker konsolidieren und mechanisieren. Dadurch steigt der Treibstoffverbrauch, was durch die Einführung effizienterer Technologien ausgeglichen werden muss.

Natürlich ist die zukünftige Nahrungsmittelproduktion mit deutlichen Unsicherheiten behaftet. Das Bevölkerungswachstum wird sich möglicherweise nicht so stark verlangsamen wie erwartet. Offene Märkte und das BIP-Wachstum werden durch Protektionismus bedroht. Und durch Dürren oder kurzsichtige nationale Politik verursachte Preisvolatilität könnte Investitionen in die Landwirtschaft verhindern und die Kaufkraft der Armen verringern.

Außerdem ist unklar, ob in den kommenden Jahrzehnten die Erträge durch Klimaveränderungen beeinträchtigt werden. Auch wenn die Niederschläge leiden, könnten höhere Temperaturen Landwirtschaft in kälteren Gegenden ermöglichen, und CO2 fördert bekanntlich das Pflanzenwachstum, sogar in trockenen Gebieten.

Auch wenn in den Bereichen der Lebensmittelhygiene, Nachverfolgbarkeit und Warenauszeichnung Fortschritte gemacht werden, könnte jede Nachlässigkeit bei der Nahrungsmittelsicherheit in der komplexen und vernetzten weltweiten Lebensmittelkette weitreichende Folgen haben. Die steigende Nachfrage nach tierischen Produkten rückt mikrobiologische Risiken stärker ins Blickfeld, und Maßnahmen zum Tierschutz führen manchmal zu neuen Gefahren. Offene Geflügelställe beispielsweise können die Verbreitung übertragbarer Krankheiten wie der Vogelgrippe steigern.

Trotz solcher Risiken ist die Zukunft der Lebensmittelsicherheit vielversprechend. Unsere Nahrung ist sicherer und unsere Ernährung ist vielfältiger als jemals zuvor, die Produktionsmethoden werden immer nachhaltiger, sauberer und effizienter, und wir werden immer besser darin, die Artenvielfalt zu schützen.

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Und trotzdem sind viele Menschen in Europa und den Vereinigten Staaten – die von den landwirtschaftlichen Fortschritten am meisten profitiert haben – misstrauisch gegenüber diesem Fortschritt und sehen wissenschaftliche Weiterentwicklung und freien Handel als gefährliche Kombination. In dem Maße, in dem diese Wahrnehmung den Fortschritt verhindert, ist sie die wahre Bedrohung für weltweite Nahrungsmittelsicherheit.

Aus dem Englischen von Harald Eckhoff