16

Wer liebt China?

NEW YORK – Zehntausende Menschen „besetzen“ derzeit die tränengasgefüllten Straßen des Zentrums von Hongkong, um für ihre demokratischen Rechte zu kämpfen. Es könnten schon bald noch viel mehr sein. Und obwohl einige Geschäftsleute und Bankiers über die damit einhergehenden Belästigungen verärgert sind, haben die Demonstranten mit ihren Protesten Recht.

Die chinesische Regierung hat den Bürgern von Hongkong versprochen, dass sie 2017 ihren Verwaltungschef frei wählen dürfen. Doch angesichts der Tatsache, dass ein ungewählter Ausschuss chinafreundlicher Vertreter eine sorgfältige Vorauswahl unter den Kandidaten treffen soll, könnten die Bürger in Wahrheit keinerlei echte Entscheidung treffen. Nur wer „China liebt“ – oder vielmehr die Kommunistische Partei (KPCh) – kann sich Hoffnungen auf das Amt machen.

Man kann beinahe verstehen, warum die chinesische Führung über den ostentativen Widerstand in Hongkong verblüfft ist. Schließlich ernannten die Briten, als Hongkong noch eine Kronkolonie war, einfach einen Gouverneur, und damals protestierte niemand.

Tatsächlich unterschied sich der Deal, den Hongkongs koloniale Untertanen zu akzeptieren schienen – politische Enthaltsamkeit im Austausch gegen die Chance, sich in einem sicheren und geordneten Umfeld um materiellen Wohlstand zu bemühen –, nicht sonderlich von jenem, den heute die gebildeten Schichten in China akzeptiert haben. Gängige Meinung unter den britischen Kolonialbeamten, Geschäftsleuten und Diplomaten war, dass die Chinesen sowieso nicht besonders an Politik interessiert seien; das Einzige, was ihnen wichtig sei, sei Geld.