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Homophobie in Mexiko

Es ist immer das Gleiche. Wenn ich einen Vortrag oder Kurs über Homosexualität gehalten habe, in dem ich ausführlich darlegte, warum man Homosexualität nicht als Krankheit sehen kann, kommen immer die gleichen Fragen: ,,Was sind die Symptome?" ,,Gibt es eine Heilung?" ,,Wie kann man seine Kinder davor schützen?" Manchmal höre ich sogar: ,,Ist es ansteckend?"

Diese Fragen begegnen mir auf Schritt und Tritt: In Mexiko City und in den Provinzen, im Radio und auf Universitäten. Gestellt werden sie von Normalbürgern ebenso wie von Psychologiestudenten und Beschäftigten im Gesundheitswesen. In Mexiko hält sich hartnäckig der Glaube, dass es sich bei Homosexualität um eine Krankheit und um ein soziales Problem handelt, das ausgerottet gehört. Allenthalben wird vermutet, dass sich Homosexuelle grundlegend von ,,uns normalen Menschen" unterscheiden.

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Solche Ansichten haben ihre Auswirkungen im täglichen Leben. Bei Verbrechen gegen Homosexuelle rangiert Mexiko mit 35 Morden im Jahr (die Dunkelziffer liegt drei Mal höher) weltweit an zweiter Stelle hinter Brasilien. Sämtliche Versuche so etwas wie eine Homosexuellenehe rechtlich zu etablieren, wurden vom lokalen Kongress in Mexiko City drei Mal abgeschmettert und zwar von linken und rechten Parteien gleichermaßen.

Ich habe jahrelang versucht, die tieferen Ursachen dieser Homophopie zu ergründen, die trotz einer Liberalisierung der öffentlichen Meinung in anderen moralischen Fragen tief verwurzelt bleibt. Empfängnisverhütung, vorehelicher Geschlechtsverkehr, Scheidung, alleinerziehende Mütter und Frauenrechte wurden schrittweise (wenn auch widerwillig) in das Spektrum ,,normalen" Verhaltens integriert. Bei Homosexualität war das nicht der Fall. Warum?

Zunächst wohl deshalb, weil die vermutlichen Gründe für Homosexualität in pseudowissenschaftliche Theorien und Psychogestammel gehüllt sind. Homosexuelle sollen angeblich unter einem hormonellen Ungleichgewicht leiden, als Kinder sexuell missbraucht worden sein, ein unbestimmtes "drittes Geschlecht" darstellen sowie unter abwesenden Vätern oder überbehütenden Müttern gelitten haben. Obwohl die seriöse Wissenschaft diese Erklärungsmodelle schon vor Jahrzehnten widerlegte, halten sich diese Ansichten in der mexikanischen Alltagskultur hartnäckig, weil sie so wunderbar zu den erstarrten und polarisierenden Definitionen von Männlichkeit und Weiblichkeit in dieser Kultur passen.

Man ist zutiefst davon überzeugt, dass Männer und Frauen nicht nur verschieden, sondern gegensätzlich sind. Ein Mann mit ,,femininen" Zügen ist ,,poco hombre" (kein richtiger Mann). Buben, die nichts für Fußball übrig haben, Männer, die gerne in die Oper gehen oder Gefühle wie Traurigkeit oder Empfindsamkeit an den Tag legen und Ehemänner, die bei der Hausarbeit helfen oder sich um ihre Kinder kümmern, werden als unmännlich angesehen. Auf der anderen Seite gilt eine Frau, die ,,Männerarbeit" erledigt, zu viel Unabhängigkeit zeigt oder sich von Männern nichts gefallen lässt als übertrieben maskulin - sie ist eine ,,hombruna". Der nächste Schritt, sie zu einer Männerhasserin und Lesbe abzustempeln, folgt auf dem Fuß.

,,Unmännliche" Männer und ,,maskuline" Frauen entsprechen ganz und gar der weithin verbreiteten Meinung, dass es sich bei Homosexuellen nicht um ,,richtige" Männer oder vollkommen ,,weibliche" Frauen handelt. Die Tatsache, dass die meisten schwulen Männer nicht unmännlich und die meisten Lesben nicht maskulin sind, erschüttern diese Ansicht keineswegs, vor allem deshalb nicht, weil diese Art von Homosexuellen in der Kultur nicht auf den ersten Blick zu erkennen sind. Die Massenmedien beispielsweise suchen sich für ihre Berichterstattung von Schwulenparaden immer glamouröse gestylte Drag Queens und Lesben aus. Die nicht von Heterosexuellen zu unterscheidende große Mehrheit der Homosexuellen erscheint nicht auf diesen Bildern.

Homophobie ist jedoch nicht nur eine Frage der Homosexualität, sondern auch eine Frage dessen, was es bedeutet ein Mann oder eine Frau zu sein. Alles was nicht den traditionellen Geschlechterstereotypen entspricht wird in der mexikanischen Gesellschaft streng geahndet. Das ist der wahre Grund für die Homophobie. Dies zeitigt jedoch Auswirkungen weit über die Ablehnung von Homosexualität hinaus, denn auch Heterosexuelle sind davon betroffen.

Als Psychotherapeutin mit dem Spezialgebiet Homosexualität werde ich immer wieder von besorgten Eltern konsultiert, die fürchten dass ihr Junge (oft im Alter von fünf Jahren!) schwul sein könnte, weil er so gern mit Puppen spielt, sich gerne in der Gesellschaft von Mädchen aufhält oder nicht Fußball spielen mag. Deshalb muss er einfach homosexuell sein. Wenn ich die Eltern dann frage, was es für sie bedeuten würde, wenn sie ein Mädchen hätten, das gerne Fußball spielt, gerne mit Buben zusammen ist und nicht mit Puppen spielt, heißt es: ,,Das wäre in Ordnung. Für ein Mädchen ist es gut, aktiv und sportlich zu sein."

Logisch: In einer machistischen Gesellschaft ist Männlichkeit der zentrale Wert. Das ist auch der Grund warum in Mexiko heute kleine Buben (aber keine kleinen Mädchen) einer hormonellen und psychologischen Behandlung unterzogen werden, koedukative Schulen verlassen und nicht mit Mädchen spielen dürfen. Das alles nur, damit aus ihnen keine Homosexuellen werden. Deshalb betrifft Homophobie nicht nur Homosexuelle, sondern alle, die nicht traditionellen Geschlechterrollen entsprechen.

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Homosexuelle Paare beweisen, dass Gleichberechtigung in einer Beziehung möglich ist. In Partnerschaften homosexueller Männer arbeiten beide, weil das für Männer eben selbstverständlich ist. In lesbischen Beziehungen arbeiten auch beide Frauen, einfach weil sie keinen Mann haben, der sie erhält. Aufgrund der Tatsache, dass beide Teile über ein eigenes Einkommen verfügen, sind diese Partnerschaften von mehr Gleichberechtigung gekennzeichnet, als die meisten heterosexuellen Ehen. Ebenso sind homosexuelle Partner in den meisten Fällen die besten Freunde - was man zwischen Ehemann und Ehefrau in einer machistischen Gesellschaft nur in den seltensten Fällen behaupten kann.

Aus all diesen Gründen ist Homosexualität eine Bedrohung aller Vorstellungen, die der mexikanischen Gesellschaft zugrunde liegen. Homophobie dient nicht nur dazu, Homosexuelle zu diskriminieren, sondern auch jedem - ob Mann oder Frau, schwul oder nicht - seinen Platz in der Gesellschaft zuzuweisen. Â