8

Wie sichere Substanzen gefährlich werden

PALO ALTO – Seit der Entwicklung der Toxikologie im sechzehnten Jahrhundert gilt als Leitsatz: „die Dosis macht das Gift”. Es ist eine Regel, die auf die Medikamente angewandt wird, die Patienten auf der ganzen Welt viele Milliarden Mal pro Tag einnehmen. Die richtige Dosis Aspirin kann ein therapeutischer Segen, zu viel davon kann tödlich sein. Das Prinzip gilt sogar für Nahrung: große Mengen an Muskatnuss oder Lakritz sind bekanntermaßen toxisch.

Das Risiko, das in einer Substanz steckt, hängt hauptsächlich von zwei Faktoren ab: von seiner inhärenten Schädlichkeit und von dem Kontakt mit ihr. Die Idee ist wirklich einfach, aber selbst vermeintliche Experten scheinen sie nicht zu verstehen. Das geht aus der Entscheidung der Internationalen Agentur für Krebsforschung (IARC) hervor, die zur Weltgesundheitsorganisation gehört, das allgemein verwendete Herbizid 2,4-D als „möglicherweise krebserregend für Menschen” einzustufen.

Erdogan

Whither Turkey?

Sinan Ülgen engages the views of Carl Bildt, Dani Rodrik, Marietje Schaake, and others on the future of one of the world’s most strategically important countries in the aftermath of July’s failed coup.

Wenn es um Herbizide geht, scheint die Agentur auf verlorenem Posten zu agieren. Die Organisation stufte kürzlich Glyphosat, ein anderes gebräuchliches Herbizid, als „möglicherweise” kanzerogen ein, eine Schlussfolgerung, die nicht mit denen von Regulierungsbehörden in der ganzen Welt übereinstimmt.

Auch 2,4 D wurde noch von keiner staatlichen Behörde der Welt als krebserregend angesehen. In diesem Frühjahr stellte die US-Umweltschutzagentur fest, dass „2,4-D aufgrund der Beweislage unter Berücksichtigung der verfügbaren Daten als „für Menschen wahrscheinlich nicht krebserregend” einzustufen sei. Auch die Europäische Agentur für Nahrungsmittelsicherheit kam vor kurzem zu dem Schluss, dass „2,4-D, in der Form, wie es zurzeit hergestellt wird, wahrscheinlich kein gentoxisches Potenzial hat und für Menschen nicht krebserregend ist”.

Die Entscheidung der IARC, Substanzen wie 2,4-D und Glyphosat als potenziell schädlich einzuschätzen, werden wahrscheinlich bei Landwirten und Verbrauchern Alarm auslösen, die sich fragen werden, ob deren weitere Verwendung in der kommerziellen Landwirtschaft oder im Gartenbau angemessen ist. Das wäre bedauerlich, denn es handelt sich um hochwirksame und weit verbreitete Herbizide. Wenn die IARC ihre Entscheidungen trifft, berücksichtigt sie nicht, ob die fraglichen Substanzen tatsächlich in der realen Welt krebserregend sind. Ihre Gremien beschäftigen sich nicht mit der Frage, ob eine Chemikalie Krebs erzeugen wird, sondern nur, ob sie Krebs erzeugen kann.

Also hat die IARC bereits Aloe Vera, Acrylamid (ein Stoff, der beim Frittieren zum Beispiel von Pommes Frittes oder Kartoffelchips entsteht), Funktelefone, Nachtschichten, asiatisches eingelegtes Gemüse und Kaffee als „wahrscheinliche” oder „mögliche” Krebserreger kategorisiert. Das kommt daher, dass die Dosis nicht berücksichtigt wird, also die Wahrscheinlichkeit, dass man mit einer Menge des Stoffs in Berührung kommt, die tatsächlich Schaden verursachen kann. Bei Kaffee zum Beispiel müsste man über einen längeren Zeitraum hinweg mehr als 50 Tassen pro Tag trinken, damit sich eine schädliche Wirkung bemerkbar macht.

Die Klassifizierung von 2,4-D als krebserregend für Menschen ignoriert umfassende Forschungen und Analysen, die von Gesundheitsbehörden weltweit durchgeführt wurden, einschließlich des gemeinsamen Treffens der UN-Organisationen WHO und FAO zum Thema Pestizidrückstände (JMPR). Dieses Gremium bewertet die Risiken von Substanzen wie 2,4-D unter Berücksichtigung der tatsächlichen Umstände wie der Menge im Boden und der Wassernähe, dem Kontakt mit Tieren, die sich über behandelte Felder bewegen und der Wahrscheinlichkeit des direkten Kontaktes mit Menschen.

Bei ihren Überprüfungen seit 1970 ist das JMPR immer zu dem Schluss gekommen, dass 2,4-D, wenn es korrekt angewandt wird, für nichts und niemanden zu Lande und zu Wasser eine Gesundheitsbedrohung darstellt. Diese Erkenntnis wurde von zahlreichen Regierungsbehörden bestätigt, wie zum Beispiel von der Europäischen Nahrungsmittelsicherheitsbehörde, der EPA, dem US-Landwirtschaftsministerium und von Health Canada.

Wenn die IARC, deren Gremien nur ein enges Spektrum an ausgewählten Publikationen berücksichtigen dürfen, eine falsche Entscheidung trifft, sind die Folgen schädlich. Ihre Entscheidungen verleihen chemophoben Aktivisten Glaubwürdigkeit, die auf Schlagzeilen aus sind und erhöhen die Wahrscheinlichkeit, dass Substanzen, die irrtümlicherweise als schädlich klassifiziert werden, durch andere Produkte ersetzt werden, die gefährlicher sind oder weniger wirksam.

Wenn Produkte wie Glyphosat und 2,4-D nicht mehr verfügbar wären, würden Landwirte dazu gezwungen, sich nach anderen Methoden zur Unkrautbekämpfung umzuschauen - keine davon wäre genauso wirksam. Viele der Alternativen wären sogar toxischer oder erfordern mehr Bodenbearbeitung, was zu einer schädigenden Bodenerosion, erhöhtem CO2-Ausstoß, abnehmenden Erträgen, höheren Produktionskosten und letztlich höheren Verbraucherpreisen führen würde.

Support Project Syndicate’s mission

Project Syndicate needs your help to provide readers everywhere equal access to the ideas and debates shaping their lives.

Learn more

Und das Problem wäre auch nicht auf die Landwirte beschränkt. Es gibt über 100 Verwendungsarten für 2,4-D, einschließlich der Bekämpfung von Unkraut auf Rasenflächen, in der Forstwirtschaft und für eine verbesserte Sicherheit an Autobahnen, Stromleitungstrassen und Eisenbahnlinien. Der Entscheidungsfindungsprozess der IARC ist nicht nur wissenschaftlich falsch, er ist schädlich. Ihre Beschlüsse, die allgemeine Beachtung finden, setzen das Leben von Menschen und Tieren größter Gefahr aus - in jeder Dosierung.

Aus dem Englischen von Eva Göllner.