29

Die Ordnung für eine Welt in Unordnung

WASHINGTON, DC – Wird es uns gelingen, eine internationale Ordnung zu erarbeiten, die den Frieden bewahrt und es den Ländern ermöglicht, sich an vereinbarte Regeln halten? Diese Frage stellt Henry Kissinger in seinem neuen Buch Weltordnung. Leider ist das die falsche Frage.

Kissinger definiert „Weltordnung“ als ein Konzept gerechter internationaler Vereinbarungen, von dem „angenommen wird, dass es auf die ganze Welt anwendbar“ ist.  In den Zeiten vor der Entstehung der Europäischen Union  stellte man sich in Europa beispielsweise die Weltordnung als ein Gleichgewicht zwischen den Großmächten vor, in dem verschiedene Religionen und Regierungsformen nebeneinander bestehen konnten.

Der Islam als Kultur und als Religion nimmt eine sehr unterschiedliche Sichtweise hinsichtlich einer optimalen Weltordnung ein – er betrachtet sie als Kalifat, in dem Glaube und Staat verschmelzen und im ganzen Dar al-Islam, also dem Haus des Islams, herrscht Friede. Dieser Überzeugung sind gewiss nicht alle Muslime oder Regierungen von Staaten mit muslimischer Mehrheitsbevölkerung, aber der von Gruppen wie dem Islamischen Staat an den Tag gelegte Radikalismus strebt nicht nur nach der Verbreitung von Verhaltensregeln, sondern einer Weltanschauung.

In den Augen Kissingers entwickeln sich widerstreitende Auffassungen von Weltordnung nicht nur im Nahen Osten, sondern auch in Asien. China hält sich derzeit an internationale Regeln, signalisiert aber in zunehmendem Maße, dass man erwartet, in der Region als Erster unter Gleichen behandelt zu werden (ebenso wie die USA dies lange Zeit hinsichtlich ihrer Position am amerikanischen Kontinent forderten). Doch angesichts des Aufstiegs Chinas und der erneuten Ansprüche im Hinblick auf seine historische Stellung in Asien und der Welt,  lautet die Frage, wie lange China noch damit warten wird, auf eine Neugestaltung der internationalen Regeln zu pochen.