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Wie Dr. Seltsam lernte, Trump zu lieben

PARIS – Auf den ersten Blick scheinen der ehemalige Nationale Sicherheitsberater und US-Außenminister Henry Kissinger und der designierte US-Präsident Donald Trump nichts gemeinsam zu haben. Auf der einen Seite haben wir den erfahrenen, gewieften, großen alten Mann der US-Diplomatie und auf der anderen poltert der ungeschliffene, grölende, archetypische Mann auf Twitter.

Und dennoch lobte Kissinger Trump im Rahmen eines Fernsehauftritts in der CBS-Sendung Face the Nation überschwänglich und bezeichnete ihn als „Phänomen.“ Die Wortwahl ist faszinierend: normalerweise werden Menschen mit hohem Fachwissen, Künstler, Weltklasse-Athleten oder Rockstars als „Phänomen“ bezeichnet.

Vor sechzig Jahren war der junge Kissinger eifrig bemüht, den Amerikanern die komplexe Geschichte Europas und dessen geheimnisvollen diplomatischen Stil näher zu bringen. Er wollte, dass amerikanische Spitzenpolitiker solchen Koryphäen ihres Fachs wie Klemens von Metternich und Otto von Bismarck ähneln. Aber wie es Literaturnobelpreisträger Bob Dylan in berühmten Worten formulierte: „The times, they are a-changin’.”  Heute möchte Kissinger der Welt Trumps einzigartig „amerikanischen Stil“ näherbringen – eine Umkehr, die möglicherweise Ausdruck seiner Enttäuschung über den Fehlschlag seines ursprünglichen Vorhabens ist. 

Im Grunde scheint Kissingers Botschaft an seine versierten europäischen und asiatischen Kollegen zu sein: „Keine Panik.“ Trump erscheint vielleicht seltsam und hört sich auch so an, aber er ist durch und durch amerikanisch und Amerika muss derzeit seine Beziehungen mit der Welt neu ordnen. So gesehen könnte Trumps unorthodoxer Ansatz genau das sein, was Amerika – und die Welt – braucht.

Eine Allianz zwischen Kissinger und Trump mag unnatürlich erscheinen, aber es ist daran zu erinnern, dass ihre Beziehung schon länger besteht. Während der Vorwahlen der Republikaner weigerte sich Kissinger, sich einer Gruppe republikanischer Außenpolitik-Experten anzuschließen, die einen offenen Brief unterzeichneten, in welchem Trump als gefährlicher Amateur und Usurpator verurteilt wird. 

Während des Wahlkampfs stellten sich viele Menschen eine Frage: „Wie können Wähler einer derart unberechenbaren und unerfahrenen Person die Kontrolle über die Atomwaffen-Codes überantworten?“ Kissingers Schweigen zu dieser Frage war ohrenbetäubend, insbesondere in Anbetracht der Tatsache, dass er eine der inspirierenden Figuren für Stanley Kubricks klassische Politsatire Dr. Seltsam oder: Wie ich lernte, die Bombe zu lieben war.

Eine Erklärung für die unnatürliche Allianz der beiden Männer besteht darin, dass sie über kompatible Ansichten hinsichtlich des russischen Präsidenten Wladimir Putin verfügen, auch wenn ihre umfassenderen außenpolitischen Perspektiven voneinander abweichen. Während Trump Putins muskelstrotzenden Nationalismus und autoritäre Entschlossenheit bewundert, glaubt Kissinger seit langem, dass es keine bessere Alternative für Russland gibt.

Eine einfachere Erklärung ist, dass Trump Kissingers Eitelkeit ausnutzt, nicht zuletzt, indem er in den frühen Phasen des Wahlkampfs seinen Rat einholte. Natürlich ist es durchaus möglich, dass Kissinger scharfsinniger als seine Kollegen der außenpolitischen Elite ist, wenn er behauptet, hinter Trump stecke mehr als mit freiem Auge sichtbar. Aber genauso gut könnte es sein, dass der mittlerweile 93-jährige Kissinger für Schmeicheleien einfach empfänglicher als je zuvor ist. Indem er bei ihm Rat einholte, gab Trump Kissinger zu verstehen, dass er ihn als Mann der Gegenwart und nicht der Vergangenheit betrachtet. Und Kissinger seinerseits erhofft sich vielleicht eine Rolle in der künftigen Administration wie etwa als „Sondergesandter“ für eine Neuausrichtung der Beziehungen mit Russland oder sogar China.  

Natürlich haben wir es hier mit einer Vernunftehe zu tun. Trump muss dringend seine Seriosität aufbessern und Kissinger vermag Derartiges in höchstem Maße zu bieten. Ein beruhigendes außenpolitisches Mantra des designierten Präsidenten könnte lauten: „Keine Sorge, ich habe Kissinger hinter mir.“

Dennoch würde eine Allianz mit Trump für Kissinger ein gewisses Risiko bedeuten. Die Verteidigung des designierten Präsidenten könnte Kissingers Image in den USA und weltweit weiter trüben. Viele Menschen haben nämlich auch nach fünfzig Jahren nicht vergessen, dass Kissinger hinter düsteren Episoden der Geschichte stand, wie etwa dem „heimlichen“ Bombardement Kambodschas in den Jahren 1969-70, das dem völkermordenden Regime der Roten Khmer den Weg ebnete und auch hinter dem Sturz der demokratisch gewählten Regierung Salvador Allendes in Chile in den 1970er Jahren. Gut möglich, dass Kissingers reaktionärste Neigungen nun wieder zutage treten.

Jenseits aller Ideologie wissen wir, dass Kissinger von Macht fasziniert, wenn nicht gar besessen ist. Er ist vielleicht nicht in der Lage der Versuchung zu widerstehen, wieder in ihrer Nähe zu sein und über dauerhaften Einfluss zu verfügen, vergleichbar etwa mit dem von Königin Elizabeth II. Allerdings sollte Kissinger daran denken, was der Privatlehrer der jungen Königin über britische Politik beibrachte: der Premierminister muss „effizient“ sein und die Krone „würdevoll“. Ist es würdevoll, Beruhigungspillen hinsichtlich Trumps Eignung zu verteilen, das mächtigste Land der Welt durch eine Phase weitreichender Veränderung zu führen?

Historiker, die sich einst mit dem 21. Jahrhundert beschäftigen werden, könnten eines Tages zu dem Schluss kommen, dass mit dem Wahlsieg Trumps am 8. November 2016 das „amerikanische Jahrhundert“ zu Ende ging – und das „asiatische Jahrhundert“ begann. Wenn das zutrifft, ist es überaus passend, dass der Mann, der in den frühen 1970er Jahren bei der Öffnung Chinas gegenüber der Welt mithalf, sich jenem Präsidenten anschließt, der die Fackel der Geschichte unwissentlich an China weiterreichen wird.

Aus dem Englischen von Helga Klinger-Groier