A nurse holding a cyro vial containing the serum from an individual that will be sent for HIV testing Noel Celis/Getty Images

Das Recht auf Gesundheit ist universal

GENF – Beim diesjährigen Welt-Aids-Tag am 1. Dezember sollten wir der 35 Millionen Menschen gedenken, die an Aids und seinen Folgen gestorben sind und die 76 Millionen ehren, die seit Beginn der Aufzeichnungen mit dem HIV-Virus infiziert wurden. Und wir können die Tatsache feiern, dass 21 Millionen Menschen, die mit HIV leben, jetzt Zugang zu einer lebensrettenden Behandlung haben.

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Aber wir dürfen auch nicht vergessen, dass mehr als 15,8 Millionen Menschen noch immer auf eine Behandlung warten und geschätzte 11 Millionen Menschen noch nicht einmal wissen, dass sie Träger des Virus sind. In der Zeit, die es braucht, diesen Artikel zu lesen, werden sich drei weitere junge Frauen mit HIV infiziert haben. Diese Zahlen bezeugen eine nicht zu rechtfertigende Ungerechtigkeit: Millionen von Menschen wird ihr Recht auf Gesundheit verwehrt.

Das dritte Nachhaltige Entwicklungsziel der Vereinten Nationen (SDG3) ist ein Gesundheitsziel. Dazu gehören die Reduzierung von Verkehrsunfällen und nichtübertragbaren Krankheiten, die Ausmerzung von Aids, Tuberkulose, Malaria und vernachlässigten tropischen Krankheiten, die Garantie allgemeiner Krankenversicherung und der Zugang zu Dienstleistungen im Bereich der sexuellen und reproduktiven Gesundheit sowie die signifikante Reduzierung von Todesfällen aufgrund von Umweltverschmutzung – und all das bis 2030.

Obwohl sich Länder der ganzen Welt diesem Ziel verschrieben haben, atmen zahllose Menschen noch immer gefährliche Mengen an toxischen Feinstoffpartikeln ein und haben keinen Zugang zu sauberem Trinkwasser und angemessenen Sanitäranlagen. Zu viele Regierungen versagen regelmäßig bei Umweltschutz und anderen regulatorischen Themen, lassen Unternehmen gewähren, die ungesunde und abhängig machende Produkte verkaufen und lassen damit diejenigen im Stich, die sie eigentlich schützen müssten.

Gesundheit ist weder ein Geschenk noch ein Almosen. Es ist ein Grundrecht, aus dem sich sowohl Rechte als auch Pflichten ableiten. Wir alle können unsere eigenen Entscheidungen über unsere Gesundheit treffen, unabhängig davon, wer wir sind, wo wir leben, woran wir glauben oder wie wir unser Geld verdienen. Und wir alle haben ein Recht auf eine bezahlbare und hochwertige Gesundheitsversorgung sowie auf die Abwesenheit von Diskriminierung und Nötigung. Das Recht auf Gesundheit bedeutet, dass unsere physische und mentale Integrität respektiert wird und dass wir die Möglichkeit der Teilhabe an unserer Gemeinschaft haben.

Heute rufen wir die Führungspersönlichkeiten der Welt auf, Probleme in der Gesundheitsversorgung anzugehen, wo immer sie sie sehen, und Maßnahmen zu ergreifen, um das Recht auf Gesundheit aller Menschen zu respektieren, zu schützen und aufrechtzuerhalten. Die ehrgeizige Agenda der UN-Entwicklungsziele bis 2030 gibt uns allen die Gelegenheit, politische Maßnahmen zu entwickeln, die den „globalen Gesundheitsbürger” schaffen und ermächtigen.

Wer ist dieser Bürger, diese Bürgerin? Sie ist eine Person, die ihre Rechte kennt und ihre Belange artikulieren kann, die Ungerechtigkeiten aufzeigt und Entscheidungsträger zur Verantwortung zieht. Jemand, der als Individuum nicht darum bittet, Zugang zu Ärzten, Behandlungen oder Vorsorgeuntersuchungen zu erhalten, sondern diesen fordert. Der globale Gesundheitsbürger ist Teil der Lösung.

Die Ermächtigung globaler Gesundheitsbürger erfordert Fortschritt in mindestens drei politischen Aktionsfeldern: Verallgemeinerung von Teilhabe, Demokratisierung von Daten und Beseitigung von Diskriminierung. In Bezug auf das erste müssen wir Programme und Maßnahmen im Bereich Gesundheit so öffnen, dass eine sinnvolle Unterstützung der Öffentlichkeit ermöglicht wird. In den 1990ern prägte die Behindertenrechtsbewegung den Satz „Nichts über uns - ohne uns!” Alle globalen Gesundheitsbürger und besonders die Entscheidungsträger im Bereich Gesundheit sollten sich dieses Motto zu eigen machen.

Natürlich ist öffentliche und private Korruption nach wie vor ein erhebliches Hindernis bei der Sicherstellung des Rechts auf Gesundheit für alle Menschen. In vielen Ländern ist die Gesundheitsversorgung einer der korruptesten Sektoren. Um das anzugehen, werden die globalen Gesundheitsbürger sowohl behördliche Unterstützung als auch bessere Instrumente benötigen, damit ihr Recht auf Gesundheit respektiert wird. Sie sollten zunächst Maßnahmen verlangen, um Grundlegendes einzufordern: gute Regierungsführung und Transparenz, die Verbesserung der rechtlichen Kompetenz, die Mittelbereitstellung für Organisationen der Zivilgesellschaft und die Stärkung rechtlicher Mechanismen für die Durchsetzung der Rechenschaftspflicht von Regierungen.

Das zweite politische Aktionsfeld, das vorangebracht werden muss, ist der Zugang zu Daten für jede Gemeinschaft. Bei UNAIDS folgen wir der Devise „Was gemessen wird, wird erledigt”. Es hat sich herausgestellt, dass die Datenanalyse eines der effektivsten Instrumente beim Kampf gegen die Aids-Epidemie ist, weil sie es uns ermöglicht, das Bewusstsein zu stärken, Menschen ausfindig zu machen, die zurückgelassen werden, sinnvoll zu investieren und Maßnahmen zu koordinieren.

Im globalen Gesundheitssektor waren schon immer gut darin, Sterblichkeits- und Erkrankungsraten zu schätzen. Aber es ist an der Zeit, über die epidemiologischen Fakten hinauszublicken. Wenn wir das Recht auf Gesundheit garantieren wollen, müssen wir auch die Folgen von Diskriminierung und Stigmatisierung sowie Gesetze und Umweltfaktoren überwachen, die die Gesundheit und das Wohlbefinden der Menschen bedrohen. Gleichermaßen muss die Durchführung gründlicher Bewertungen der gesundheitlichen Folgen von wichtigen Maßnahmen und Investitionen zur Regel werden, noch ist es die Ausnahme. Der globale Gesundheitssektor braucht viel mehr Unterstützung und Rechenschaftspflicht. Die UN sowie die Gremien der Zivilgesellschaft sind ganz besonders geeignet, dies herbeizuführen.

Das dritte politische Aktionsfeld, die Beseitigung von Diskriminierung im Gesundheitssektor, muss zur internationalen Priorität werden. Das zentrale Versprechen der SDG-Agenda ist es, alle mitzunehmen. Diskriminierung führt zu realen Barrieren beim Zugang zu universaler Gesundheitsversorgung und verhindert den Zugang vieler Menschen zu jeder Art von Gesundheitsdienstleistungen. So gibt beispielsweise eine von acht Personen, die nach dem Grad der Stigmatisierung durch Aids befragt werden (HIV Stigma Index) an, dass ihr aufgrund von Vorurteilen der Zugang zu Gesundheitsversorgung verwehrt wurde.

Zweifelsohne erfordert die Beendigung von AIDS außer medizinischen auch soziale Durchbrüche. Die Regierungen müssen ihre Bemühungen um den Schutz der Rechte des Individuums vor Diskriminierung verstärken und effektive Mechanismen für Menschen entwickeln, die Wiedergutmachung verlangen, wenn private oder staatliche Akteure ihr Recht auf Gesundheitsversorgung missachten. Wir rufen all diejenigen, die in der Gesundheitsversorgung arbeiten, und alle Institutionen auf, sich diskriminierenden Gesetzen, Maßnahmen oder Praktiken zu widersetzen.

Der Schutz des Rechts auf Gesundheit ist die notwendige Grundlage dafür, alle zu befähigen, ihr Potenzial und ihre Träume zu verwirklichen. Wir sollten uns nicht mit weniger zufriedengeben.

Aus dem Englischen von Eva Göllner.

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