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Verliebt in Deutschland

PRINCETON – Die Bundestagswahlen in Deutschland im September und die sich hinziehende Regierungsbildung haben eine merkwürdige Entwicklung aufgezeigt. Nicht nur scheint Deutschland heute in Europa zu bestimmen, sondern das übrige Europa scheint sich zunehmend zu Deutschland hingezogen zu fühlen – und zwar nicht zuletzt deshalb, weil die Deutschen in einer Zeit politischer Verwirrung und wirtschaftlicher Instabilität die Einzigen in Europa sind, die zu wissen scheinen, was sie wollen.

Der deutsche Exzeptionalismus ist offensichtlich. Während die Wähler überall in der Europäischen Union ihre Regierungen für die Große Rezession und die Eurokrise abgestraft haben, haben die Deutschen Bundeskanzlerin Angela Merkel bei den jüngsten Wahlen im Amt bestätigt und die CDU in umfassender Weise gestützt. Wie beim ersten Bundeskanzler der Nachkriegszeit, Konrad Adenauer, sind Witze im Umlauf, die Merkel als Bundeskanzlerin auf Lebenszeit beschreiben.

Anderswo haben populistische, europafeindliche Rechtsparteien mit gegen Einwanderer und Minderheiten – insbesondere Muslime – gerichteten Kampagnen an Boden gewonnen. Dies hat die Sorge genährt, dass der populistische Block nach den EU-weiten Wahlen im nächsten Jahr der größte im Europäischen Parlament sein wird.

Deutschland dagegen hat keine antieuropäische Partei, die bei den Wählern ernsthafte Unterstützung findet. Selbst die neu gegründete Alternative für Deutschland – die bei den jüngsten Wahlen unerwartet gut abschnitt und die 5-Prozent-Hürde nur knapp verfehlte – betont, dass ihre Ablehnung des Euro nicht gegen Europa gerichtet ist. Sie will die gemeinsame Währung abschaffen, weil sie aus ihrer Sicht das europäische Ideal unterminiert.