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Die bittere Wahrheit über die Vogelgrippe

Die Situation rund um eine mögliche pandemische Ausbreitung des Vogelgrippe auslösenden Virenstammes H5N1 ist äußerst komplex und betrifft Fachbereiche wie Medizin, Epidemiologie, Virologie und sogar Politik und Ethik. Überdies herrscht enorme Ungewissheit darüber, wann das Virus H5N1, das bislang in erster Linie Vögel befällt, zu einer Form mutiert, die auch zwischen Menschen übertragbar ist. Ebenso wenig weiß man, wie infektiös und tödlich diese Form sein wird.

Es ist daher wenig überraschend, dass Berichte über die Vogelgrippe nicht selten am Ziel vorbeischießen. In einem vor kurzem erschienenen Leitartikel in der New York Times beispielsweise, wird die „Wir-Zuerst-Haltung” der reichen Länder angesichts einer möglichen H5N1-Pandemie angeprangert, weil „die größte Chance eine Pandemie einzudämmen oder zumindest Zeit zu gewinnen, in der Verbesserung der Überwachung und der Praktiken in den Gesundheitssystemen in Ostafrika und Asien liegt, wo eine solche Pandemie wahrscheinlich ihren Ausgang nehmen würde.“

Selbstverständlich bedarf es guter Überwachung, um eine Frühwarnung zu ermöglichen, wenn der ein H5N1-Virenstamm mutiert und zwischen Menschen übertragbar geworden ist, so dass Länder auf der ganzen Welt rasch eine Reihe staatlicher Gesundheitsmaßnahmen ergreifen können, wozu auch die Produktion großer Mengen Impfstoff gegen den speziellen Virenstamm gehört. Allerdings macht sich die massive Kraftanstrengung, die zur „Verbesserung der Praktiken in den Gesundheitssystemen der ärmsten Länder dieser Welt” nötig wäre auf der Titelseite besser als in der Realität.

Intensivtierhaltung, bei der Millionen von Schweinen und Hühnern oder anderes Geflügel auf engem Raum mit Menschen zusammenleben sowie unhygienische Haltungsbedingungen, Armut und eine völlig unzureichende staatliche Infrastruktur im Gesundheitswesen machen es unwahrscheinlich, dass eine Pandemie verhindert oder im Keim erstickt werden kann. In dieser Hinsicht erwähnenswert ist, dass Chinas chaotischer Versuch 14 Milliarden Hühner zu impfen misslang. Dies aufgrund gefälschter Impfstoffe und nicht vorhandener Schutzkleidung für die Impfteams, die durch infizierte Geflügelfäkalien an den Schuhen die Ausbreitung der Krankheit von einem Hof zum anderen sogar forcieren könnten.

Theoretisch ist die Eindämmung einer Grippepandemie im frühesten Stadium durch eine so genannte „Ringprophylaxe“ möglich – das heißt, durch den rigorosen Einsatz von Grippemedikamenten und Quarantänemaßnahmen, wodurch relativ begrenzte Ausbrüche eines von Mensch zu Mensch übertragbaren H5N1-Stamms isoliert werden können. Laut einer Aussage des Virologen Donald S. Burke von der Johns Hopkins University „wäre es möglich, einen Ausbruch der Vogelgrippe unter Menschen in den frühesten Stadien, also bei weniger als 100 Fällen, zu erkennen und ihn durch Einsatz internationaler Ressourcen – wie etwa Antiviren-Mittel aus WHO-Beständen - rasch einzudämmen“. Diese so genannte „Tipping-Point-Strategie“, also die Herbeiführung von großen Veränderungen durch kleine Einzelschritte, ist höchst kosteneffizient.

„Kosteneffizient“ kann eine Strategie allerdings nur sein, wenn sie auch machbar ist. Obwohl diese Ringprophylaxe möglicherweise in Minneapolis, Toronto oder Zürich durchaus funktionieren könnte, ist die Wahrscheinlichkeit für einen Erfolg in den Teilen der Welt, wo eine Vogelgrippepandemie beginnt, beinahe Null. In Ländern wie Vietnam, Indonesien und China – von wo der pandemische Virusstamm wahrscheinlich seinen Ausgang nehmen wird – fehlt es an Sachkenntnis, Koordination, Organisation und Infrastruktur.

Die Reaktionen in der Türkei – wo im Osten des Landes nicht weniger als 50 mögliche Fälle von Vogelgrippe auftraten – sind in diesem Zusammenhang sehr aufschlussreich. Beamte aus der Region benachrichtigten die Regierung am 16. Dezember des Vorjahres von einem akuten Anstieg bei der Zahl toter Vögel, aber es dauerte 12 Tage, bis eine Untersuchung eingeleitet wurde. Als letzte Woche ein Vierzehnjähriger als erster Türke an der Vogelgrippe starb (rasch gefolgt von zwei Geschwistern) rügte ein Regierungssprecher die Ärzte, weil sie durch die Erwähnung der Krankheit, „das Ansehen der Türkei beschädigten“. Das erinnert in unheilvoller Weise an die erste Reaktion Chinas nach dem Ausbruch von SARS im Jahr 2003.

Bis jetzt scheint es so, als ob sich alle mit dem H5N1-Virus infizierten Personen durch Kontakt mit infiziertem Geflügel ansteckten. Die Situation in der Türkei zeigt allerdings, wie sich ein Ausbruch einer Pandemie unter Menschen anfänglich darstellen könnte: nämlich durch die rapide Ausbreitung von bestätigten Fällen (und Todesfällen) vom Ausgangsort in nahegelegene Dörfer und Städte. Wir würden eine große Zahl von Erkrankungsfällen unter Mitarbeitern und Patienten in Spitälern erwarten, wo die Opfer behandelt werden. Bald schon würde sich die Krankheit durch eine Person (möglicherweise einen Virusträger, der selbst nicht erkrankt ist) nach Ankara, Istanbul, Tiflis, Damaskus, Bagdad und noch weiter ausbreiten.

Die Grippemedikamente Tamiflu und Relenza sind extrem teuer und außerdem Mangelware. Aus früherer Erfahrung wissen wir: Stellt man diese Medikamente armen Ländern für die Ringprophylaxe zur Verfügung, werden diese oftmals falsch verordnet – in zu niedrigen Dosierungen beispielsweise – so dass dadurch nur die Virenresistenz gefördert und eine Pandemie intensiviert wird. Oder diese Mittel werden überhaupt zur Bereicherung korrupter Regierungsbeamter auf dem Schwarzmarkt verkauft.

Eine politisch inkorrekte, aber rationale Strategie für die reichen Länder wäre, den Entwicklungsländern Ressourcen primär für die Überwachung zur Verfügung zu stellen. Man würde sie zeitgerecht von der Existenz eines von Mensch zu Mensch übertragbaren H5N1-Stamms in Kenntnis setzen, aber den Großteil der finanziellen Mittel würden sie für Impfungen, Medikamente und andere staatliche Gesundheitsmaßnahmen aufwenden – von denen in erster Linie sie selbst profitieren würden.

Sollte die Pandemie relativ bald – etwa innerhalb der nächsten ein, zwei Jahre – ausbrechen, gäbe es wenig, womit man die erste Infektionswelle signifikant abschwächen könnte. Wenn wir allerdings für den pandemischen Virusstamm ein Notprogramm zur Impfstoffherstellung entwickeln, könnten wir die zweite Welle möglicherweise begrenzen.

Bei einer Vogelgrippe-Pandemie bedarf es der Triage auf vielen Ebenen. Dazu gehören nicht nur Entscheidungen darüber, welche Patienten von den knapp vorhandenen Ressourcen wie Medikamente, Impfungen und Beatmungsgeräten am meisten profitieren, sondern auch allgemeinere politische Entscheidungen wie man die Ressourcen – in einer, im wahrsten Sinn des Wortes, Welt voller Möglichkeiten – am besten einsetzt.