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Ein anderes Narrativ für Haiti

PORT-AU-PRINCE – Bei den Staatsausgaben Prioritäten zu setzen ist für jedes Land schwierig. Besonders schwierig ist dies aber in Haiti, wo nach vielen Jahren politischer Missstände jetzt eine neue Regierung versucht, die Wirtschaft zu fördern und das Wohlergehen der Menschen zu verbessern, während sie gleichzeitig noch mit den Folgen des massiven Erdbebens von 2010 beschäftigt ist.

Allen Regierungen ist gemein, dass sie nur über begrenzte Mittel verfügen, aber Haitis jährlicher Haushalt umfasst weniger als zwei Milliarden Euro, zu denen noch knapp eine weitere Milliarde an ausländischen Hilfszahlungen kommt. Zum Vergleich: Die jährlichen Haushalte zweier Länder mit ähnlicher Bevölkerungszahl, der Tschechischen Republik und Schweden, haben ein Volumen von 70 Milliarden bzw. 230 Milliarden Euro.

Das übliche Narrativ über Haiti handelt von großer Not – man hört vom „ärmsten Land in der westlichen Hemisphäre“ mit schwacher Infrastruktur, Gesundheitsproblemen und der höchsten Sterblichkeitsrate bei Säuglingen, Kindern unter fünf Jahren und schwangeren Müttern in der Region.

Wenn wir uns aber nur auf die Probleme konzentrieren, bleibt unklar, wie die Geberländer oder die haitianische Regierung ihre Mittel am besten einsetzen können. Haïti Priorise, ein neues Forschungsprojekt, das von der kanadischen Regierung finanziert und von meinem Thinktank, dem Copenhagen Consensus, geleitet wird, versucht genau dies herauszufinden. Wir erstellen Daten über die besten Möglichkeiten, den Wohlstand und die Gesundheit der kommenden Generationen zu verbessern.

Haïti Priorise hat Ökonomen (ein Drittel davon haitianische Beamte) mit der Erstellung von 45 Kosten-Nutzen-Analysen beauftragt. Die Forscher haben einen standardisierten Ansatz verfolgt und unterschiedliche Vorschläge untersucht. Dazu gehörten die Einbindung von Bauern in den internationalen Kohlenstoffmarkt; die Entwicklung von Flutwarnsystemen; die Einführung bezahlter Mutterschaftsurlaube, um mehr Frauen in den formalen Arbeitsmarkt zu integrieren; und der Unterricht kleiner Kinder in ihrer kreolischen Muttersprache anstatt in Französisch.

Drei bekannte haitianische Ökonomen und ein US-Wirtschaftsnobelpreisträger schlossen sich zu einer hochkarätigen Kommission zusammen. Sie entwickelten 85 solcher Vorschläge, befragten die Forscher und erstellten eine Prioritätenliste, die sie dann Präsident Jovenel Moïse vorlegten. In ihrer Top-Ten-Liste finden sich sechs Vorschläge, die das kurze Zeitfenster vor und nach der Geburt betreffen, in dem das Leben eines Kindes am effektivsten verändert werden kann.

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Haben Kinder in sehr frühem Lebensalter Zugang zu Unterricht und Ausbildung, kann dies für ihren Erfolg im Erwachsenenleben von entscheidender Bedeutung sein. So zeigen die Forschungen des Ausbildungsökonomen Atonu Rabbani, dass zwei Jahre regelmäßige Spielstunden unter der Leitung eines Lehrers etwa 140 Euro pro Schüler kosten würden. Ein bekanntes Langzeitforschungsprojekt aus Jamaika ergab, dass ein solches Projekt zu einer zukünftigen Einkommenssteigerung in Höhe von 35% führen kann. Mit jedem investierten Euro würde Haiti so einen Gewinn von 17 Euro machen.

Bei der Untersuchung kurzfristigerer Maßnahmen haben Forschungen von Magdine Flore Rozier Baldé vom haitianischen Planungsministerium ergeben, dass durch das Anheben der Impfquote für Kleinkinder auf 90% bis zum Jahr 2020 in den nächsten fünf Jahren über 16.000 Kindern das Leben gerettet werden könnte. Dies würde über fünf Jahre verteilt nur 33 Millionen Euro kosten und das Dreizehnfache an Gewinn ergeben.

Auch wurde von der Expertenkommission empfohlen, die Gesundheitsvorsorge für Mütter und Neugeborene zu verbessern. Zum Preis von etwa 21 Millionen Euro im Jahr würden so die Müttersterblichkeit bei der Geburt um 65% verringert und über 5.000 Kindern das Leben gerettet. Jeder so ausgegebene Euro würde zu einem sozialen Gewinn in Höhe von 18 Euro führen.

Als zweithöchste Priorität empfahl die Kommission, die „versteckte“ Geißel des Mangels an Mikronährstoffen zu bekämpfen. Stephen Vosti von der Universität von Kalifornien, Davis und andere Verfasser schlugen vor, dem Weizenmehl beim Mahlen oder bei der Verpackung Eisen und Folsäure hinzuzufügen. Diese Anreicherung ist in vielen Ländern bereits üblich und kann auf andere Lebensmittel ausgeweitet werden.

Den größten Nutzen hätte ein solches Programm für schwangere Frauen und kleine Kinder. Gäbe man auf zehn Jahre verteilt etwa fünf Millionen Euro aus, um 95% des Weizenmehls anzureichern, würde dies 140 Todesfälle durch Neuralrohrdefekte und über 250.000 Anämieerkrankungen verhindern.

Die Untersuchungen der Kommission verdeutlichen die enormen und lang andauernden Vorteile von Investitionen, die sich auf die frühesten und damit entscheidenden Lebensjahre von Kindern konzentrieren. Um aber zu gewährleisten, dass diese Kinder eines Tages sinnvoll zur haitianischen Gesellschaft beitragen können, müssen auch die unternehmerischen Rahmenbedingungen verbessert werden. Nach Ansicht vieler Experten ist das größte Hindernis für die Wirtschaft der Mangel an einer verlässlichen Stromversorgung. Der wichtigste Vorschlag der Expertenkommission besteht darin, das öffentliche Stromversorgungsunternehmen Electricité d’Haïti (EDH) zu reformieren.

Dies ist unvermeidlich. Die EDH ist insolvent und benötigt fast 200 Millionen Euro an Subventionen im Jahr, was einem Zehntel des gesamten haitianischen Haushalts entspricht. Etwa 70% des produzierten Stroms wird gestohlen oder geht verloren. Weniger als ein Drittel der Haushalte haben Zugang zu Elektrizität, und wenn überhaupt, dann gibt es nur fünf bis fünfzehn Stunden am Tag Strom. So bleiben viele Menschen im Dunkeln, und die Unternehmen müssen teure Dieselgeneratoren kaufen.

Der durchschnittliche Haitianer konsumiert nur 39 KWh pro Jahr – etwa 10% des Durchschnittskonsums in Ghana und weniger als das, was für den monatlichen Betrieb eines durchschnittlichen amerikanischen Kühlschranks benötigt wird. Juan Belt, Bahman Kashi und Jay Mackinnon von Limestone Analytics berechneten, dass die Reform der EDH etwa 30 Millionen Euro kosten würde.

Nach ihren Erfahrungen in Haiti und mit Reformen in Afghanistan schlagen Belt, Kashi und Mackinnon vor, die institutionellen und regulatorischen Rahmenbedingungen des Kraftwerksektors zu verändern, die EDH zu verkörperschaften und Tarife einzuführen, die die tatsächlichen Kosten widerspiegeln. Gelingt dies, könnten in einer zweiten Reformphase begrenzte Investitionsmittel zur weiteren Verbesserung der Versorgung und finanziellen Effizienz bereitgestellt werden.

So könnten die Verluste der EDH erheblich verringert und die Stromversorgung verbessert werden. Jeder ausgegebene Euro würde so etwa 22 Euro an sozialem Nutzen bringen. Wie der haitianische Ökonom Kesner Pharel schrieb, könnten die knapp 200 Millionen Euro an Subventionen „besser für Bereiche wie Gesundheit oder Ausbildung ausgegeben werden, was Haiti sehr gut tun würde“.

Dies ist auch das Ziel aller weiteren Investitionen, die von Haïti Priorise vorgeschlagen werden. Durch die Forschungsergebnisse können NROs und Regierungsbeamte die nötige intellektuelle Munition bekommen, um sich für eine bessere Finanzierung effektiver Lösungen einzusetzen. Auch kann die Vielzahl von Daten den Geberländern und gewählten Politikern als Grundlage für ihre schwierigen Entscheidungen dienen. Bei Problemen Prioritäten zu setzen und dann die effektivsten Lösungen zu finden, ist ein Narrativ, das sicherlich jedem Land gut zu Gesicht stehen würde.

Aus dem Englischen von Harald Eckhoff