Die Schuld und Scham von Abu Ghraib

Gegen die amerikanischen Soldaten, die unmittelbar für die grauenvollen Erniedrigungen, denen irakische Gefangene in Abu Ghraib ausgesetzt wurden, verantwortlich sind, wurden inzwischen Kriegsgerichtsverfahren eingeleitet. Die US-Armee wird dabei zu belegen suchen, dass die Angeklagten schuldig sind und damit zugleich - als logische Schlussfolgerung -, dass die Armee selbst, die die Strafverfolgung betreibt, nicht schuldig ist. Dies ist das zweischneidige Schwert jedes strafrechtlichen Verfahrens: Wer anklagt, beansprucht die moralische Autorität, Anklage zu erheben. Ob diese im Irak gegeben ist, ist allerdings genau die Frage.

Wenn ein Staat seine moralische Autorität verliert, etwa, indem Polizisten auf verfassungswidrige Weise Beweismittel erheben, so stellt er damit die Berechtigung der Verurteilung in Frage. Der verstorbene Richter am amerikanischen Supreme Court, Louis Brandeis, hat einmal gesagt, der Staat müsse der „allgegenwärtige Lehrer" unserer höchsten Ideale sein. Im Abu-Ghraib-Skandal waren die Armee und die Bush-Administration alles andere als gute Lehrer, und auch die Öffentlichkeit und die Medien haben sich mitschuldig gemacht. Wie aber können die kollektiv Schuldigen Anklage erheben und einzeln herausgegriffenen Verdächtigen eine Individualschuld zuweisen?

Natürlich fordert die Frage des Ausmaßes der Kollektivverantwortung für Folter und andere unsittliche Verhaltensweisen zur Diskussion heraus. Sollte die angemessene Reaktion der Öffentlichkeit Schuld oder Scham sein? Viele haben genug gelesen und gesehen, um tiefe Scham darüber zu empfinden, dass sie einer Nation angehören, die voll Selbstgerechtigkeit in einen Krieg zog und am Ende die gleichen oder noch schlimmere Menschenrechtsverletzungen beging als der „Schurkenstaat", den die Amerikaner als ihren Feind betrachtet hatten.

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